Interview mit Dr. Ramona Pauli, HIV-Schwerpunktärztin in München
PrEP in Deutschland – Erste Erfahrungen aus der Praxis


Frau Dr. Pauli wie haben Sie den Beginn der 50-Euro-PrEP in Deutschland erlebt?

Pauli: Die Möglichkeit einer PrEP für 50 Euro im Monat hat sich sehr schnell herumgesprochen. Im September fragten einige Patienten pro Woche nach PrEP, seit Oktober mache ich täglich mehrere PrEP-Beratungen. Tendenz weiter steigend.

Wer kommt denn zur PrEP-Beratung?

Pauli: Überwiegend kommen schwule Männer zur Beratung. Aber es kamen auch schon heterosexuelle Männer, die im Thailand-Urlaub das Kondom weglassen wollten. Frauen haben mich bisher noch nicht nach PrEP gefragt.

Wie ist der Informationsstand bei den Beratungen?

Pauli: Einige Männer sind gut informiert und wissen genau, was sie wollen. Andere wollen nur mal hören, ob das überhaupt stimmt, was die Freunde erzählen. Die Spannbreite an Wissen ist sehr weit. Ich versuche immer, konkret nachzufragen und zu beraten. Wie wollen Sie die PrEP nehmen? Wollen Sie sich bei geplantem oder spontanem Sex schützen? Was machen Sie, wenn sie aufhören wollen? Wie soll es mit Folgerezepten weitergehen? Dabei stellt sich nicht selten heraus, dass die Anwendung nicht im Detail durchdacht wurde.

Was ist Motivation zur PrEP? Wollen alle endlich das Kondom weglassen?

Pauli: Das ist sicherlich ein Grund, aber es gibt auch noch andere. Viele Männer wollen beispielsweise einfach das Grübeln nach einem sexuellen Kontakt los werden. Wie war das noch mal genau? War das ein Risiko? War das Kondom die ganze Zeit drauf? War da nicht doch etwas Blut dabei? Einige kommen, weil das macht jetzt quasi jeder macht. Und ein Mann kam, weil niemand mit ihm Sex haben will, wenn er nach „safe“ frägt.

Dann hat sich in der „Szene“ etwas verändert?

Pauli: (lacht) Da kann ich nicht direkt live vom Geschehen berichten, sondern nur wiedergeben, was meine Patienten erzählen. Mein Eindruck ist, dass das Kondom derzeit völlig aus der Mode gekommen ist. Durchaus nachvollziehbar, endlich gibt es für HIV-Negative eine Alternative. Das wird jetzt ausprobiert. Die Kehrseite ist, dass Männer, die Safer Sex wollen, zum Außenseiter werden. Aber die PrEP in Deutschland ist noch jung, das kann sich im Lauf der Zeit noch verändern.

Wie ist denn die Verträglichkeit der PrEP?

Pauli: Das Medikament ist sehr gut verträglich. Es kamen schon viele Patienten, um das zweite Rezept zu holen. Bisher hat sich niemand über ernste Nebenwirkungen geklagt oder gar die PrEP wegen Nebenwirkungen abgebrochen.

In anderen Ländern wurde ein Anstieg der sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI) beschrieben. Sehen Sie das auch?

Pauli: Eine leichte Zunahme von Syphilis und anderen STI ist auch in unserer Praxis spürbar, doch noch ist das kein Erdrutsch. Wir testen allerdings auch viel mehr, denn wir untersuchen alle unsere PrEP-Patienten auf sexuell übertragbare Erkrankungen. Mein Eindruck ist, dass damit sehr verantwortungsvoll umgegangen wird. Man benachrichtigt Kontaktpersonen, damit diese zum Testen gehen - eine sehr erfreuliche Entwicklung wie ich finde.

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