Hepatitis C und Sucht – Herausforderungen und Chancen

29. August 2018

PD Dr. med. Gerlinde TeuberInterview mit Priv.-Doz. Dr. med. Gerlinde Teuber
Allgemeinmedizinische Praxis mit Schwerpunkt Hepatologie in Frankfurt. Weiter ...

Welche Rolle spielt Hepatitis C in Ihrem Arbeitsalltag?

Dr. Teuber: Nach wie vor spielt die Erkrankung Hepatitis C eine sehr große Rolle, viele Patienten werden wegen erhöhter Leberwerte an mich überwiesen. Im Rahmen der Abklärung mache ich dann auch grundsätzlich einen HCV-Test. Manchmal berate ich auch Kollegen, die mit einer HCV-Behandlung beginnen möchten, und schaue mir ihre Patienten vor Ort in der Praxis an.

Welche Herausforderungen ergeben sich in Ihrem Praxisalltag im Hinblick auf Hepatitis-C-Patienten?

Dr. Teuber: Für mich als Ärztin und für meine Patienten gibt es mittlerweile nahezu keine Probleme mehr – man kann heutzutage fast alle Patienten mit Hepatitis C heilen. Allerdings werden hierzulande immer weniger Hepatitis-C-Patienten behandelt, obwohl es nach wie vor viele HCV-Infizierte gibt. Vor dem Hintergrund der gut wirksamen und verträglichen Behandlungsmöglichkeiten dürfte die Behandlungsrate eigentlich nicht sinken.

Woran liegt es, dass noch so viele Hepatitis-C-Patienten unentdeckt oder unbehandelt sind?

Dr. Teuber: Einerseits fehlt das Bewusstsein: Zu wenige Ärzte denken an eine mögliche Hepatitis C. Bei Patienten mit auffälligen Leberwerten oder Risikofaktoren sollte man aufmerksam werden und auf Hepatitis C testen. Beispielsweise kann ein kurzzeitiger intravenöser Drogenkonsum in der Vergangenheit die Ursache für eine Hepatitis C sein. Andererseits scheuen sich viele Ärzte, die neuen Therapien auch bei Patienten mit aktivem oder vorhergehenden Drogengebrauch einzusetzen. Es gibt eine große Anzahl Drogenabhängiger oder ehemals Drogenabhängiger, die nicht suchtmedizinisch betreut werden.

Wie viele Hepatitis-C-Patienten, die Sie behandeln, sind Suchtpatienten?

Dr. Teuber: Ich behandle pro Jahr 120 bis 140 HCV-Patienten – darunter sind etwa 80 Suchtpatienten. Das kommt auch daher, dass ich viel mit Suchtmedizinern zusammenarbeite, die Patienten substituieren und sie mir für die Hepatitis-C-Therapie überweisen. Ich untersuche sie, schaue mir die Blutwerte an und stelle das erste Rezept aus. Die Behandlung führt dann ihr behandelnder Arzt durch. Suchtpatienten sind mittlerweile die größte Patientengruppe, denn heutzutage ist intravenöser Drogenkonsum der häufigste Übertragungsweg des Hepatitis-C-Virus.

Und dennoch ist die HCV-Therapiequote bei Suchtpatienten zu niedrig?

Dr. Teuber: Leider gibt es dazu für Deutschland keine verlässlichen Zahlen. Aber es ist auffällig, dass in Studien der Anteil der Substitutionspatienten in der Regel nur bei 10-15% Prozent liegt. Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch viele Studien. Ich denke, dass die Suchtpatienten nach wie vor eine strukturelle Benachteiligung beim Zugang zur modernen HCV-Therapie haben. Es gibt noch immer Vorbehalte gegenüber Drogenkonsumenten – in Richtung „das sind doch nur Junkies“. Dabei ist gezeigt worden, dass Substitutionspatienten eine gute Adhärenz haben, die Ansprechrate genauso hoch wie bei Patienten ohne Drogenkonsum ist, der Beikonsum den Therapieerfolg nicht beeinträchtigt und die Reinfektionsrate relativ niedrig ist – beispielsweise niedriger als bei Männern, die Sex mit Männern haben.

Warum sind Suchtpatienten die größte Patientengruppe, könnte das am Wissensstand zu Hepatitis C liegen?

Dr. Teuber: Der Wissensstand ist schon viel besser als noch vor ein paar Jahren. Aber es gibt trotzdem noch viel zu tun. Wenn sie bereits getestet wurden, wissen die Patienten einiges über Hepatitis C, auch zu den Übertragungswegen. Aber manche haben auch falsche Information erhalten, z.B. dass ihre normalen Leberwerte bedeuten, dass sich das Virus abgekapselt hätte. Und vielen ist nicht klar, dass sie sich nach einer erfolgreichen Therapie auch wieder anstecken können. Es ist also noch viel Aufklärungsarbeit und unbedingt auch ein therapiebegleitendes Gespräch über Risikoverhalten nötig.

Sehen Sie mit Blick auf Suchtpatienten einen Vorteil neuer Therapieoptionen?

Dr. Teuber: Es spricht sich auch unter den Suchtpatienten zunehmend herum, dass es neue hochwirksame und verträgliche Behandlungsoptionen mit kurzer Therapiedauer gibt. Das begeistert viele. Aber es gibt nach wie vor Patienten, die Angst vor Nebenwirkungen haben – das kommt wahrscheinlich noch aus der Interferon- und Ribavirin-Ära. Da gibt es viel Diskussionsbedarf, weil die Suchtpatienten sich untereinander austauschen. Und oft wissen oder verstehen sie nicht, dass die Therapien sich je nach Patient unterscheiden können.

Welche Entwicklung in der Suchtmedizin wäre wünschenswert, um Hepatitis C erfolgreich zu eliminieren?

Dr. Teuber: Es müsste bei den Suchtmedizinern die Aufmerksamkeit für Hepatitis C gesteigert werden. Diesen Trend spiegelte auch die TED-Umfrage auf dem AbbVie-Symposium, das im Rahmen des Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin am 7. Juli in München stattfand. Es screenen zwar relativ viele Suchtmediziner auf Hepatitis C – im Symposium waren es über 80 Prozent – aber weniger als die Hälfte der Teilnehmer gab an, Hepatitis C auch zu behandeln. Und im Symposium saßen schon die interessierten Kollegen. Suchtpatienten sollten laut der Fachgesellschaft jedes Jahr wieder auf HCV getestet werden. Auch das wird nicht in jeder Suchtmedizin-Praxis durchgeführt – in der TED-Umfrage war es die Hälfte, die einmal im Jahr oder häufiger screent. Mein Eindruck war, dass Patienten bei den Suchtmedizinern fast immer bei der Aufnahme getestet werden, aber im weiteren Verlauf nicht mehr.

Die WHO und die Bundesregierung haben das Ziel gesteckt, Hepatitis C bis 2030 zu eliminieren. Was ist nötig, um dieses Ziel zu erreichen?

Dr. Teuber: Das Ziel wurde gesteckt, da die heutigen Therapieoptionen sehr effektiv und bei fast allen Patienten erfolgreich sind. Aber es braucht mehr als nur die Therapien, daran hat sich nichts geändert. Wir brauchen wahrscheinlich eine Richtlinie, die ein effektives Screening mit nachfolgender Behandlung vorgibt.


Mit freundlicher Unterstützung von AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG

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