Kommentar von Siegfried Schwarze, Berlin
Die Zwillinge des Herrn He

oder
Unethische Menschenexperimente unter dem Deckmäntelchen der HIV-Prävention

Twenty20
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Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein: Der chinesische Forscher He Jiankui gab auf einem Fachkongress in Hongkong bekannt ,dass er bei chinesischen Zwillingen mittels „Genom-Editing“ einen Eingriff in die befruchtete Eizelle vorgenommen hätte um das Gen für den CCR5-Rezeptor stillzulegen. Diese Nachricht ist aus so vielen Gründen ungeheuerlich, dass man sich diese der Reihe nach ansehen muss:

  • Der Vater der beiden Kinder lebt mit HIV, die Mutter nicht. Zum Behandlungsstatus und der Viruslast des Vaters ist zwar bis dato nichts bekannt, aber nach der Befruchtung stellt er jedenfalls keine Infektionsgefahr für die Kinder mehr dar. Von daher war der Eingriff also absolut unnötig.

  • Der CCR5-Defekt ist eine Komponente, die wohl auch zur Heilung des „Berliner Patienten“ Timothy Brown beigetragen hat. Aber dies vermittelt keinen absoluten Schutz vor einer HIV-Infektion, da es eben auch Viren gibt, die den CXCR4-Korezeptor für die Infektion nutzen (deshalb nimmt Tim Brown inzwischen auch die PrEP).

  • Die Genom-Editing Methode, die in diesem Fall angewandt wurde, beruht auf dem CRISPR/CAS9 Enzymsystem. Es ist berühmt dafür, wie kinderleicht es sich einsetzen lässt. Weniger bekannt ist, dass darunter leider die Genauigkeit leidet. Mit anderen Worten: Beim Einsatz von CRISPR gibt es ziemlich häufig „off-target-effects“, was nichts anderes bedeutet, als dass das Enzym an Stellen schneidet, wo es eigentlich gar nicht schneiden soll. Das lässt sich in der Zellkultur verschmerzen; wenn es aber um den therapeutischen Einsatz am lebenden Menschen bzw. Zellen geht, besteht ein großes Risiko für Schäden an den behandelten Zellen, die, im Falle von Stammzellen, möglicherweise erst nach vielen Jahren zu Tage treten. Auch in diesem Fall scheint CRISPR nicht ganz wie gewünscht funktioniert zu haben: Eines der Kinder hat Mosaikmutationen im Bereich der gewünschten 32-Aminosäuren-Deletion, das andere Kind ist heterozygot für eine Deletion, die nur 5 Aminosäuren umfasst. Wie dies den angeblich angestrebten Schutz vor HIV beeinflusst, ist derzeit völlig unklar.

  • Insgesamt wurden 31 Embryonen von 8 Paaren behandelt, von denen 70% Anzeichen zeigten, dass das Genom-Editing zumindest im Ansatz geklappt hat. Was geschah eigentlich mit diesen Embryonen?

  • Die Kinder sollen bis zum 18. Lebensjahr nachbeobachtet werden. Mit anderen Worten: Keine Chance auf eine normale Kindheit. Ständige Krankenhausbesuche, mediale Aufmerksamkeit, von anderen Kindern als Freaks abgestempelt werden – das hat man diesen Kindern ohne Not angetan, selbst wenn sie keine weiteren Schäden davontragen.

  • Da Keimbahnzellen editiert wurden, werden diese Kinder, falls sie alt genug werden, die veränderten Gene an ihre Kinder weitergeben. Die Auswirkungen sind auch hier völlig unklar.

Nicht ohne Grund haben sich bisher alle Forscher, die den CCR5-Defekt für die Heilung bzw. Prävention einer HIV-Infektion einsetzen wollten, auf die Veränderung von somatischen Zellen beschränkt, die nach und nach wieder absterben. Klar, wenn man wirklich etwas erreichen will, muss man früher oder später Stammzellen modifizieren. Aber doch bitte nicht gleich die „Mutter aller Stammzellen“, die befruchtete Eizelle! Und schon gar nicht, ohne vorher ein Verfahren etabliert zu haben, das ein zu verantwortendes Nutzen-Risiko-Verhältnis hat. CRISPR ist dafür jedenfalls denkbar ungeeignet.

Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass hier ein medien- und karrieregeiler, drittklassiger Forscher mit der Not und der Unwissenheit der hilflosen Eltern versucht, möglichst schnell Berühmtheit zu erlangen. Das Wohlergehen und weitere Schicksal der Kinder sind ihm dabei egal und der Schutz vor HIV schlicht ein Vorwand.

Wenn China in diesem Bereich etwas braucht, dann sind es Diagnose und Therapie der HIV-Infektion nach WHO-Standards und nicht unausgegorene, futuristische Sensationsmethoden.

Und der HIV-Forschung hat Herr He damit ebenfalls keinen Dienst erwiesen.

Quellen:


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