Hepatitis C und Sucht
Im Gespräch mit Substitutionsmedizinerin Dr. med. Petra Pflaum, Ludwigshafen

28. Mai 2019

Dr. med. Petra Pflaum, Ludwigshafen Hepatitis C ist tückisch: Die chronische Lebererkrankung verläuft in der Regel ohne oder nur mit sehr unspezifischen Symptomen wie Abgeschlagenheit und Fieber. Die Konsequenz: Betroffene wissen oftmals gar nichts von der Erkrankung. Das kann schwerwiegende Folgen haben, denn unbehandelt kann eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) langfristig zu Leberzirrhose oder Leberkrebs führen [1, 2]. Diese könnte heute oftmals vermieden werden, denn Hepatitis C ist mit modernen Therapien bei fast allen Patienten schnell heilbar [2]. Pro Jahr werden in Deutschland 4.000 bis 5.000 HCV-Infektionen neu diagnostiziert; Schätzungen zufolge leben hierzulande rund 270.000 Menschen mit Hepatitis C. Der häufigste Grund für die Ansteckung ist injizierender Drogengebrauch: Vier von fünf Hepatitis-C-Neudiagnosen, bei denen der Übertragungsweg bekannt ist, sind darauf zurückzuführen [1]. Doch genau diese Risikogruppe hat oftmals ganz andere Sorgen als „nur“ ihre Gesundheit und steht vor vielen Herausforderungen.

Im Rahmen der PLUS-Gesundheitsinitiativen Hepatitis C arbeitet die Ärztin Dr. Petra Pflaum mit Partnern daran, die Versorgungssituation von Menschen mit (ehemaligem) Drogengebrauch zu verbessern. Im Interview schildert sie, wie sie sich engagiert und was sie bewegt.

Mikroskop

Was hat Sie dazu inspiriert, Ärztin zu werden?

Das begann schon als 10-Jährige: Ich war bei Verwandten zu Besuch, die beide Ärzte waren. In ihrem Haus habe ich ein altes Messingmikroskop aus dem 19. Jahrhundert gefunden, mit einem Kasten mit Schnitten der menschlichen Organe. Ich habe mir damals alles ganz genau angeschaut und war fasziniert von der Anatomie des menschlichen Körpers. Anschließend habe ich Bücher der Medizingeschichte und von berühmten Ärzten gelesen, danach war meine Berufswahl endgültig klar. Das Mikroskop haben mir die beiden anschließend geschenkt, es steht bis heute bei mir zuhause.

Wie sieht heute ihr Praxisalltag in Ludwigshafen aus?

Ich bin seit 27 Jahren niedergelassen und habe heute eine Hausarzt-Praxis in einem dörflich geprägten Vorort von Ludwigshafen. Dadurch ist mein Kontakt zu den Patienten sehr eng, viele Familien kenne ich schon über mehrere Generationen. Ich mache Hausbesuche und betreue die Patienten auf ihrem kompletten Lebensweg. Das ist genau das, was ich schon immer machen wollte.

Sie decken auch Substitutionstherapien für Drogenabhängige ab. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Mein Partner in der ersten Gemeinschaftspraxis hat das damals schon gemacht, da habe ich mich einfach angeschlossen. Ich fand den Alltag mit Substitutionspatienten sehr interessant, hatte aber – wie viele andere Kollegen – einige Vorbehalte. Die sind während der Zusammenarbeit mit den Patienten jedoch schnell verflogen. Ich empfinde die Therapie als sehr lohnenswert, und habe damals gleich die Fortbildung zur suchtmedizinischen Grundversorgung gemacht. Leider geht der Trend heutzutage dahin, dass wenige junge Ärzte an diesem Weg interessiert sind und wir echte Nachwuchsprobleme haben.

Stehen Suchtpatienten in Ludwigshafen in puncto Gesundheitsversorgung vor Herausforderungen?

Gegenüber Suchterkrankungen herrschen sowohl in der Normalbevölkerung als auch unter den Ärzten große Vorurteile. Die Patienten gelten als schwierig, der Umgang mit ihnen ist vielen nicht vertraut und daher bestehen Berührungsängste. Und für Ärzte entsteht mitunter ein erheblicher Dokumentationsaufwand, der in der Vergütung derzeit nicht reflektiert ist. Das schreckt die jungen Kollegen vermutlich zusätzlich ab.

Welche Gemeinsamkeiten haben die Suchtpatienten, die Sie betreuen?

Sie kommen alle mit dem starken Wunsch, etwas gegen ihre Suchterkrankung zu tun und diese zu bekämpfen. Dafür suchen sie Hilfe. Oftmals sind sie in schlechter körperlicher Verfassung, sie haben erhebliche – teilweise seelische – Verletzungen erlitten. Beispielsweise den Verlust ihres Arbeitsplatzes, den sozialen Abstieg, finanzielle Probleme. Und sie haben oftmals auch Begleiterkrankungen, die nicht erkannt oder zumindest nicht behandelt werden.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Behandlung von Suchtpatienten?

Ich sage meinen Patienten immer, dass ich ihnen eine Chance biete, aber dabei auch gewisse Erwartungen habe. In der Regel versuchen die Patienten dann auch, die gemeinsam gesteckten Ziele zu erreichen und sind sehr therapietreu. Wichtig ist, dass ihr Kopf frei wird von der Beschaffung ihrer Suchtmittel und sie zur Ruhe kommen können. Erst dann kann ich das Gesundheitsbewusstsein und Selbstwertgefühl bei ihnen wecken. Dann ist auch der Weg für eine Hepatitis-C-Therapie offen.

Es ist natürlich ein erheblicher Schritt, die Heroin-Abstinenz zu erreichen, die als Basis für die Substitution gilt. Das Einstellen des Beigebrauch wird auch gefordert, das erweist sich in der Praxis jedoch nicht immer als leicht. Zwischenzeitlich haben sich erfreulicherweise die Richtlinien geändert, sodass man Patienten nicht mehr aufgrund von Beigebrauch von der Substitution ausschließt.

Das klingt, als ob Sie hier nicht nur ihre „klassische“ Rolle als Ärztin erfüllen müssen.

Als Mediziner behandeln wir zwar die Suchterkrankungen, aber im Endeffekt müssen wir auch die anderen Aspekte berücksichtigen, wenn wir den Menschen effektiv helfen wollen. Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz. Der Verlust des Arbeitsplatzes, der soziale Abstieg, die finanziellen Schwierigkeiten – das kommt ja alles noch zu den gesundheitlichen Problemen der Patienten hinzu.

Welche Rolle spielen Sie in der PLUS-Gesundheitsinitiative Hepatitis C in Ludwigshafen, und wie kam es dazu?

Als Medizinerin bin ich Kooperationspartnerin in der Initiative. Als mich die Stadt Ludwigshafen 2015 angefragt hat, habe ich direkt zugesagt, da ich das Thema sehr spannend fand. Einer der wichtigsten Punkte für mich war es, gemeinsam ein Netzwerk aufzubauen, um die Therapie der Drogenabhängigen und HCV-Infizierten zu verbessern. Hier in Ludwigshafen sind wir relativ wenige Substitutionsärzte und wir sind bisher mehr oder weniger Einzelkämpfer gewesen. Wir hatten keine Struktur für die Diagnostik oder Therapie der Hepatitis C. Auf Wunsch von uns Ärzten haben wir im Rahmen von PLUS dann Leitfäden für den Behandlungsalltag entwickelt, an denen man sich orientieren kann. Meine eigenen Berührungsängste mit der Therapie haben sich seitdem vollkommen gelegt.

Welche Auswirkung hat das auf Ihre Arbeit?

Ich habe das Gefühl, dass ich meine Patienten jetzt besser und umfänglicher behandeln kann. Das tut mir sehr gut. Ich habe mit der Therapie von Hepatitis C sehr positive Erfahrungen gemacht und kann die Patienten auch viel besser motivieren. Als Arzt kann man von PLUS im Behandlungsalltag wirklich profitieren: Man hat das Gefühl einer gewissen Sicherheit und Orientierung bei Diagnostik und Therapie durch ein multiprofessionelles Team, die Möglichkeit, die anderen Akteure besser kennenzulernen, kürzere Wege und eine effizientere Herangehensweise an die Therapie von Suchterkrankungen und Hepatitis C. Ich denke, das ist für viele Kollegen das Wichtigste. Letztlich geht es auch darum, dass nicht nur einzelne Patienten in der Praxis aufschlagen, sondern dass Hepatitis-C-Patienten über das Netzwerk gezielt einer Behandlung zugeführt werden.

Was wünschen Sie sich für PLUS?

Wir versuchen im Rahmen der Initiative, andere Kollegen zu informieren und zu motivieren. Da gibt es noch Potenzial. Vor allem gilt es, noch viele Vorurteile und Vorbehalte zu beheben. Darüber hinaus möchten wir die Initiative weiter ausbauen. Viele unserer Patienten haben Begleiterkrankungen, oftmals auch psychische, die aufgrund schwieriger Lebenswege entstanden sind. Auch diese müssen besser behandelt werden, das ist ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Therapie. Daran wollen wir mit den hiesigen Psychiatern und Psychotherapeuten arbeiten.

Was muss passieren, wenn wir Hepatitis C in Deutschland bis 2030 eliminieren wollen?

Was ich als positive Erfahrung in unserem Projekt mitgenommen habe: Für eine erfolgreiche Elimination von HCV benötigen wir lokale Netzwerk-Strukturen. Das kann am besten im Kleinen klappen, im lokalen Bereich. Es gibt sicherlich in jeder Stadt unterschiedliche Settings – daher ist ein großer Masterplan noch kein Schlüssel zum Erfolg. Im Kleinen soll zu allererst die Struktur geschaffen werden, sodass ein Patient vernünftig betreut und versorgt werden kann. Ein zweiter wichtiger Punkt sind die Aspekte Haft und Migration. Mit dieser Thematik müsste man sich verschärft beschäftigen, da wir hier Aufholbedarf haben. Und zuletzt muss die Wahrnehmung von Suchterkrankungen in der Öffentlichkeit verbessert werden, denn sie sind Teil unserer Gesellschaft.

Weitere Informationen zur PLUS-Gesundheitsinitiative Hepatitis C finden Sie hier: https://www.hcvversorgungplus.de/.




mit freundlicher Unterstützung von AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG



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