30 Jahre Hepatitis-C-Virus

24. September 2019

Heute heilbar, aber auch bis 2033 eliminiert? Interview mit Prof. Sarrazin und Prof. Bartenschlager.

Im Jahr 1989 wurde das Hepatitis-C-Virus (HCV) identifiziert.i Heute, 30 Jahre später, ist die HCV-Infektion zu einer heilbaren Erkrankung geworden. Welche Fortschritte in Forschung und Entwicklung dazu beigetragen haben, welche Möglichkeiten die modernen DAA-Therapien jetzt bieten und welche Herausforderungen noch zu lösen sind, darüber sprachen der Gastroenterologe und Hepatologe Prof. Dr. Christoph Sarrazin, Wiesbaden, und der Virologe Prof. Dr. Ralf Bartenschlager, Heidelberg.

Prof. Dr. med. Christoph SarrazinProf. Dr. med. Christoph Sarrazin

Chefarzt am St. Josefs-Hospital Wiesbaden

Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie, Internistische Intensivmedizin

Erstautor der S3-Leitlinie „Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektion“ (AWMF-Register-Nr.: 021/012)

Prof. Dr. Ralf BartenschlagerProf. Dr. Ralf Bartenschlager

Leiter der Abteilung Molekulare Virologie, Zentrum für Infektiologie, an der Universität Heidelberg und Leider der Abteilung „Virus-Assoziierte Karzinogenese“ am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg


Herr Prof. Bartenschlager, vor 30 Jahren wurde das Hepatitis-C-Virus (HCV) identifiziert. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Bartenschlager: Als 1989 die erste Publikation zu dem bis dato als Non-A-/Non-B-Hepatitis bezeichneten Virus herauskam1, war uns am Institut schnell klar, dass diese Entdeckung ein wichtiger Meilenstein in der Virologie ist. Zum einen, weil man das Hepatitis-C-Virus jetzt kannte und die molekularbiologische Charakterisierung starten konnte. Und zum anderen, weil nun eine Diagnostik verfügbar wurde, durch die Hepatitis-C-positive Blutproben ausgesondert werden konnten. Das Virus wird ja über Blut übertragen.

Mit der Entdeckung des HCV war der Grundstein für die Erforschung des Virus gelegt. Welche Schritte folgten, um gezielt wirkende Medikamente zu entwickeln?

Bartenschlager: Viren sind für ihre Vermehrung auf Zellen angewiesen, deshalb muss man bei der Erforschung von Viren mit Zellkulturen arbeiten. Nur so kann man untersuchen, wie die Virusreplikation – also die Vermehrung der Viren – funktioniert; molekularbiologische Methoden allein reichen dazu nicht aus. Nachdem das Virus identifiziert war, ist es uns in den 1990er Jahren als weiterer wichtiger Meilenstein gelungen, ein Zellkultursystem zu etablieren, das es erlaubt, Minigenome des Hepatitis-C-Virus, sogenannte Replicons, in menschlichen Leberzelllinien zu vermehren.ii Dieses System haben wir in den Folgejahren weiter optimiert. 10 Jahre nach der Entdeckung des HCV war dadurch ein gezieltes Testen von potenziellen Wirkstoffen möglich.

Herr Prof. Sarrazin, Sie selbst waren an den ersten Phase-I-Studien beteiligt. Was sind Ihre klinischen Erfahrungen?

Sarrazin: Im Rahmen der ersten Studien erkannte man bald: Mit einer einfachen Therapie mit nur einer Substanz schaffen wir es nicht, das Hepatitis-C-Virus im Körper zu eliminieren.iii Die Viren besitzen eine zu hohe Mutationsrate, sodass sie relativ schnell Resistenzen bilden. Bereits wenige Tage nach Gabe der Medikation kam die Viruslast in den ersten Studien zurück.

Den erhofften Durchbruch brachte schließlich die Kombination zweier antiviraler Substanzen. In einem Raum mit über 5.000 Ärzten hätte man eine Stecknadel fallen hören, als ein Kollege die ersten Ergebnisse bei 10 Patienten vorstellte. Wir konnten es alle gar nicht fassen, dass ein Virus, bei dem wir bislang 1,5 Jahre lang Interferon mit geringen Erfolgschancen und hohen Nebenwirkungen gegeben hatten, innerhalb von wenigen Wochen komplett verschwunden war.

Seit wann sind wirksame antivirale Therapien verfügbar?

Sarrazin: Von der Entdeckung des Virus 1989 dauerte es erst einmal ca. 10 Jahre, bis das Zellkultursystem, das rund um das Team von Prof. Bartenschlager entwickelt wurde, für eine gezielte Forschung von Medikamenten zur Verfügung stand. Zirka weitere 10 Jahre vergingen, bis die ersten Erfolge direkt antiviraler Therapien in der Klinik zur Verfügung standen. Die erste Zulassung war 2011, damals noch mit Interferon, ab 2014 folgten dann die ersten Therapien ohne Interferon. Das Tempo dieser Entwicklung ist im Vergleich zu vielen anderen Erkrankungen wirklich außergewöhnlich.

Bartenschlager: Das kann man schon als Revolution bezeichnen – schließlich sind wir jetzt, nur 30 Jahre später, in der Lage, eine chronische Infektion komplett eliminieren zu können.

Wie geht es Hepatitis-C-Patienten heute?

Sarrazin: Die Behandlung von HCV-Patienten mit modernen DAAs geht heute recht schnell und ist gut verträglich.iv Darüber hinaus haben Patienten durch die Therapie einen enormen Gewinn an Lebensqualität. Die chronische Müdigkeit und Abgeschlagenheit, geht mit der Elimination des Virus häufig zurück.

Bartenschlager: Phänomenal ist, dass sich diese positiven Effekte bereits nach wenigen Wochen einstellen. Besonders hervorzuheben ist auch, dass gerade Risikogruppen, wie Substitutionspatienten oder Personen mit fortgeschrittener Lebererkrankung, von der Therapie profitieren können – nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.

Die Heilung der HCV-Infektion ist ein enormer Fortschritt. Können Patienten auch hoffen, dass sich bestehende Leberschäden zurückbilden?

Sarrazin: Ist die Leber bereits geschädigt, ändert die Eliminierung von HCV erstmal nichts an diesen Schäden. Generell kann sich die Leber jedoch relativ gut regenerieren. Ist also die Schädigung nicht zu sehr fortgeschritten, können sich strukturelle Veränderungen der Leber unter und nach einer antiviralen Therapie zurückbilden.

Wenn bei einem Patienten eine HCV-Infektion diagnostiziert wurde, sollte er also so früh wie möglich behandelt werden?

Sarrazin: Eine frühe Behandlung einer HCV-Infektion ist dringend zu empfehlen. Aktuelle Studien zeigen: Je später man mit einer antiviralen Therapie anfängt und je stärker die Leber geschädigt ist, desto geringer ist der Langzeitnutzen für den Patienten.7 Leider gehen manche Betroffene erst zum Arzt, wenn sie starke Probleme haben und bereits eine fortgeschrittene Leberzirrhose vorliegt. Bei solchen Patienten kann man mit modernen DAAs zwar immer noch das Virus eliminieren, aber das Risiko, z. B. Leberkrebs zu entwickeln, bleibt bestehen. Nur wenn möglichst früh diagnostiziert wird, kann auch rechtzeitig therapiert werden, um langfristige Schäden und Folgeerkrankungen zu verhindern.

Wenn Hepatitis C heute bei nahezu allen Patienten heilbar ist: Warum ist die Erkrankung noch nicht besiegt?

Sarrazin: Wir können Hepatitis C zwar behandeln und haben auch die Diagnose-Tools, aber es gibt eine viel zu hohe Dunkelziffer an HCV-Infizierten. In Deutschland leben geschätzt 270.000 Menschen mit Hepatitis C und ein großer Teil der Betroffenen weiß nichts von der Erkrankung.v Im Vergleich dazu gibt es in Deutschland ungefähr 80.000 HIV-Patientenvi und diese Erkrankung erhält mehr Aufmerksamkeit als Hepatitis C. Ich habe das Gefühl, HCV steht im Schatten von HIV. Wir sind zwar da, aber nicht so wichtig.

Bartenschlager: Vergleicht man beide Infektionskrankheiten, stellt man fest, dass HCV eher eine stille Epidemie darstellt. Das betrifft sowohl den Verlauf der Erkrankung als auch die öffentliche Präsenz. Zwar gibt es auch bei der Hepatitis C einzelne Prominente, wie Pamela Anderson oder Steven Tyler, die öffentlich über ihrer Erkrankung sprechen, dennoch ist HCV lange nicht so medienpräsent wie HIV.

Ein wichtiger Ansatz scheint die Reduktion der Dunkelziffer. Wie könnte man dies erreichen?

Sarrazin: Drei Viertel aller akuten Infektionen verlaufen unbemerkt oder nur mit grippeähnlichen Symptomen, was die Diagnose erschwert.vii Haus- oder Allgemeinärzte sind oft die ersten Ansprechpartner bei der Diagnose der chronischen Hepatitis C, ihnen kommt daher eine Schlüsselrolle für die Elimination der Hepatitis C zu. Ein einfacher Antikörper-Test kann Aufschluss über eine mögliche HCV-Infektion geben, die sich dann durch einen RNA-Test weiter abklären lässt. Dies ermöglicht Betroffenen eine Therapie und somit eine mögliche Heilung von Hepatitis C. Empfohlen sind die Tests u. a. bei Personen mit erhöhten Leberwerten oder bei Personen mit besonderen Risikofaktoren für eine Blut-zu-Blut-Übertragung. Zu diesen Risikogruppen, die vermehrt in Kontakt mit infiziertem Blut bzw. infizierten Blutprodukten kommen, gehören z. B. intravenös Drogenkonsumierende aber auch Tätowierungen oder Piercings und nasaler Drogenkonsum stellen ein Risiko dar.7

Wenn man diese Risikogruppen durchdiagnostiziert, würde man wahrscheinlich einen Großteil der HCV-Infizierten finden und könnte diese dann gezielt therapieren. Um das zu erreichen, setzt sich beispielsweise AbbVie Deutschland im Rahmen der PLUS-Initiative für zielgruppenspezifische Strategien zur Mikroelimination ein. Hier stehen klar definierte Risikogruppen mit hoher Hepatitis-C-Prävalenz im Fokus.viii

Die WHO hat die HCV-Elimination bis 2030 ausgerufen. Ist das Ziel noch erreichbar? Wo stehen wir 2030?

Bartenschlager: Wenn man wirklich das WHO-Ziel – die Reduktion der Zahl der Neuinfektionen bis 2030 um 90 %ix – erreichen will, braucht man ein viel stärkeres Screening. Aktuell schätzt man, dass von allen Infektionen weltweit nur ca. 20 % diagnostiziert wird.13 Folglich ist der Nutzen, den wir aus der antiviralen Therapie haben, im Vergleich zur Gesamtzahl der HCV-Infizierten bisher viel zu gering.

Die Heilung von Hepatitis C ist dank der neuen Therapien einfacher und verträglicher denn je – in welchen Bereichen wird aktuell geforscht?

Bartenschlager: Die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus hat den Grundstein für alle weiteren Entwicklungen gelegt, die letztendlich zu den modernen DAA-Therapien geführt haben. Aktuell liegt der Fokus der HCV-Forschung z. B. beim Thema Leberkrebs, aber auch Impfstoffe gegen das Virus rücken immer stärker in den Vordergrund.


Mit freundlicher Unterstützung von AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG


i* Als von einer chronischen Hepatitis C geheilt gelten Patienten, die 12 Wochen nach Behandlungsende ein anhaltendes virologisches Ansprechen (sustained virologic response, SVR12) aufweisen. Choo Q et al. Science 1989; 244: 359–362

ii https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2016/dkfz-pm-2016-36-Lasker-Preis-fuer-Ralf-Bartenschlager.php, abgerufen am 26.07.2019

iii Lange CM, Sarrazin C, Zeuzem S. Alimentary Pharmacology & Therapeutics 2010;32(1):14–28

iv Sarrazin C et al. Z Gastroenterol.2018; 56: 756–838

v berechnet basierend auf Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin, Nr. 30/2017

vi Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin Nr. 47/2018

vii Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin Nr. 29/2018

viii https://www.hcvversorgungplus.de, abgerufen am 26.07.2019

ix World Health Organization. Global Hepatitis Report, 2017

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