Von Christian Hoffmann
HIV-Literatur:
Die Berliner "Heilung" - wirklich eine Sensation?
Kommentar:
Zweifellos ein hochinteressanter Fall und ein vor allem aus psychologischen Gründen wichtiger Erfolg, der aber in der Öffentlichkeit in seiner Bedeutung für die HIV-Medizin überschätzt wird. Niemand wird jemals ernsthaft einen Menschen allein wegen seiner HIV-Infektion einer allogenen Transplantation zuführen wollen, dazu wird das Mortalitäts-Risiko viel zu groß bleiben. Warum die Aufmerksamkeit der ahnungslosen Medienmeute gerade jetzt auf dieses hochkomplexe Thema gelenkt wurde, noch dazu bevor der Fall vernünftig wissenschaftlich publiziert worden ist, bleibt Geheimnis und Makel zugleich.
Literatur
1. Dean M, Carrington M, Winkler C, et al. Genetic restriction of HIV-1 infection and progression to AIDS by a deletion allele of the CKR5 structural gene. Hemophilia Growth and Development Study, Multicenter AIDS Cohort Study, Multicenter Hemophilia Cohort Study, San Francisco City Cohort, ALIVE Study. Science 1996;273:1856-62.
2. Hütter G, Nowak D, Mossner M, et al. Treatment of HIV-1 infection by allogeneic CCR5-Δ32/Δ32 stem cell transplantation: a promising approach. Abstract 719, 15th CROI 2008, Boston.
3. Liu R, Paxton WA, Choe S, et al. Homozygous defect in HIV-1 coreceptor accounts for resistance of some multiply-exposed individuals to HIV-1 infection. Cell 1996;86:367-77.
4. Samson M, Libert F, Doranz BJ, et al. Resistance to HIV-1 infection in caucasian individuals bearing mutant alleles of the CCR-5 chemokine receptor gene. Nature 1996;382:722-5.
In den letzten Tagen hielt er die Medienwelt in Atem. "Mein AIDS-Patient überglücklich - das Echo schallt durch die ganze Welt" kreischte die BILD-Zeitung und sogar der SPIEGEL titelte, nachgerade hingerissen: "Medizin-Sensation: Berliner Ärzte besiegen HI-Virus". Folglich gibt es kaum ein Behandler, der zur Zeit nicht von seinen Patienten nach diesem Fall befragt wird.
Die Rede ist von dem Berliner Patienten mit einer HIV-Infektion, der vor zwei Jahren an einer Akuten Myeloischen Leukämie (AML) erkrankte und sich einer allogenen Stammzelltransplantation unterzog. Seine Behandler am Berliner Universitätsklinikum Charité hatten unter den rund 100 potentiellen Stammzell-Spendern einen Spender identifiziert, der offenbar hinsichtlich der Δ32-Mutation homozygot war; der Patient selbst war zuvor heterozygot gewesen.
Δ32-Mutation verringert HIV-Risiko
Menschen mit einem solchen Gendefekt exprimieren deutlich weniger CCR5 auf ihren Zellen, einen für den Eintritt von HIV in die Zelle wesentlichen Korezeptor. Folglich infizieren sich diese Menschen schlechter mit HIV und bei einer Infektion verläuft die Progression zu AIDS deutlich langsamer (Dean 1996, Liu 1996, Samson 1996). Die Häufigkeit homozygoter Genträger dieser Deletion in einer kaukasischen Population beträgt ca. 1%, die der heterozygoten Genträger ca. 20%. Bei homozygoten Trägern, bei denen der Korezeptor vollständig fehlt, sind bislang nur wenige Fälle einer HIV-Infektion beschrieben worden. Das Wissen um diesen Gendefekt hat letztlich zur Entwicklung der Korezeptorantagonisten geführt, mit Maraviroc wurde im letzten Jahr die erste Substanz zugelassen.
Kein HIV mehr?
Mit Erhalt der fremden Stammzellen setzte der Patient die (offenbar vorbestehende) antiretrovirale Therapie ab. Es kam erfreulicherweise zu keinen größeren Komplikationen, die Stammzellen wuchsen in dem Patienten gut an, und in dem bisher wohl inzwischen zwei Jahre währenden Follow-Up kam es bislang zu keinem Wiederanstieg der Viruslast, die sich offenbar weiterhin unter der Nachweisgrenze befindet. Auch bei Biopsien von Knochenmark und Rektumschleimhaut wurde kein Virus gefunden, sogar die provirale DNA blieb negativ.
Magere Daten
Vielmehr ist bislang leider nicht bekannt. Was vorliegt, ist lediglich ein bemerkenswert dürres Poster mit einem Follow-Up von maximal 285 Tagen, das im Februar des Jahres in Boston auf der CROI publiziert worden war (Hutter 2008, Poster abrufbar unter www.retroconference.org/2008/PDFs/719.pdf). Dort wurden weder Angaben zur antiretroviralen Vortherapie des Patienten, noch zur HIV-Vorgeschichte (Subtyp? Dauer der Infektion? Maximale Viruslast? Resistenzlage?) oder gar zum Immunstatus (CD4-Zellen?) gemacht. Diese bei einem HIV-Fall eigentlich unverzichtbaren Informationen fehlen gänzlich.
Trotz dieser Limitationen und der Tatsache, dass natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Patient nicht doch weiterhin Virusträger ist, ist der Fall dennoch ein schöner Erfolg, zeigt er doch, dass es für HIV offenbar doch nicht so einfach ist, zu X4-Stämmen zu mutieren. Die Wandlungsfähigkeit von HIV hat eben doch ihre Grenzen. Hoffnungen macht der Fall natürlich auch hinsichtlich möglicher gentherapeutischer Ansätze, deren praktische Umsetzung allerdings noch in weiter Ferne scheint.
25.11.2008









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