BERND SALZBERGER, REGENSBURG
Risiko der HIV-Übertragung 1:100.000 - was heißt das überhaupt?

Die Schweizer Autoren leiten die Aussage "HIV-infizierte Menschen ohne andere STD sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös" aus Studien zur sexuellen HIV-Transmission bei diskordanten Paaren und zum Nachweis von HIV in genitalen Flüssigkeiten ab. Bei kritischer Durchsicht der Literatur ist das benannte Risiko (ca. 1:100.000 pro Kontakt) durchaus plausibel. Es sind zwar sehr kleine Studien, auf die sich die Schätzung stützt, und es bleiben offene Fragen (z.B. keine Daten zu gleichgeschlechtlichem Sex). Aber sei es drum, 1:100.000 - das scheint ein individuell wirklich kleines Risiko zu sein.

Doch was bedeutet es für die Gesamtheit der Patienten? Als Ärzte können wir Einzelrisiken ganz gut einschätzen, aber in der Bewertung sehr kleiner Risiken sind wir mit unserer patientenorientierten Ausbildung schlecht geschult - das ist etwas für Epidemiologen oder Versicherungsmathematiker.

FAHREN OHNE SICHERHEITSGURT?


Abb. 1: Risiko in Prozent einer Verletzung beim Autofahren bzw. verschiedenen Szenarien von sexuellen Kontakten (Annahme 100 sexuelle Kontakte pro Jahr - ca. 2 pro Woche)

Dennoch sollte man in diesem Fall ruhig einmal genau Nachrechnen. Ein Risiko 1:100.000 bedeutet eine Wahrscheinlichkeit, dass keine Infektion stattfindet von 99,999%. Wenn 100 diskordante Paare über ein Jahr jeweils 100 sexuelle Kontakte haben, beträgt das Risiko einer Infektion mindestens einer Infektion 1-(1-1/100.000) exponiert mit der Zahl der Kontakte). Die Wahrscheinlichkeit mindestens einer Übertragung liegt entsprechend bei 10%. Berechnet man das Risiko für 10 Jahre, steigt die Wahrscheinlichkeit mindestens einer Infektion sogar auf 63% (Abb. 1).

Vergleichen wir dieses Risiko mit dem Unfallrisiko im täglichen Straßenverkehr. Hier gibt es bei 70 Milliarden Jahreskilometern alle 1.400.000 Millionen Kilometer eine Verletzung. Bei einem Verletzungsrisiko von 1:140.000 könnte man also (analog der gleichen Logik bei der HIV-Transmission) bei Fahrten bis 10 Kilometer auf den Sicherheitsgurt verzichten. Doch wer tut das?

Ein anderes Beispiel. Ein Medikament verursacht bei jeder 100.000ten Anwendung eine schwere Nebenwirkung (z.B. Diabetes mellitus oder Krebs - je nachdem mit was man die HIV-Infektion vergleicht) und das bei möglichen Alternativen. Welches Pharmaunternehmen würde solch einen Wirkstoff auf den Markt bringen? Welche Patientenorganisation würde da nicht Alarm schlagen?

FEHLER: PROGRAMMATISCHER TITEL

Wie die Rechnung oben zeigt, können kleine Einzelrisiken bei häufigem Auftreten rasch zu einem veritablen Risiko werden. Deshalb sind individuelle Beratungen ganz anders zu werten als allgemeine Positionspapiere. Das Positionspapier der EKAF ist auch als positive Nachricht für diskordante Paare in der Einzelfallberatung angelegt, doch der programmatische Titel hat der Präventionsarbeit einen schweren Schlag versetzt - so etwa wie ein Versuch die alte Büchse der Pandora mal kurz zu lüften. Die rasche Relativierung der Aussage, dass diese nur für heterosexuelle Paare in fester Partnerschaft gilt, wird weniger gerne verbreitet und gehört werden. Doch nur da gehört sie hin.

Ausgabe 1 - 2008 Back

Nachrichten

  • Automatisierter Bluttest für Leberfibrose

    31. Januar 2012: Siemens bietet den ersten schnellen, automatisierten Biomarker-Test zur Diagnose und Beurteilung einer Leberfibrose an. Der ELF-Test (Enhanced Liver Fibrosis-Test) dauert rund eine Stunde. Er benötigt nur eine Blutprobe.weiter

  • MSD fördert junge Wissenschaftler

    29. Januar 2012: Die Förderung für junge Wissenschaftler , die einen Forschungsaufenthalt an externen Einrichtungen und Organisationen planen, wurde für 2012 auf 20.000 € erhöht.weiter

  • HPV-Test: IQWiG gibt keine Empfehlung

    24. Januar 2012: Studien zeigen, dass mit Hilfe eines Tests auf Humane Papillomaviren (HPV) Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses früher erkannt und behandelt werden können. Es fehlt jedoch, so das IQWiG, der Nachweis des Nutzens im Hinblick auf Lebensqualität und Überleben.weiter

  • Britische Leitlinien zur PEP aktualisiert

    22. Dezember 2011: Die neuen Leitlinien zur PEP geben detaillierte Empfehlungen für viele verschiedene Situationen.weiter

  • PrEP-Zulassung beantragt

    15. Dezember 2011: Gilead hat bei der amerikanischen FDA die Zulassung von Tenofovir/Emtricitabin (Truvada®) zur Prä-Expositionsprophylaxe beantragt.weiter

  • Neue Etravirin-Tablette

    30. November 2011: Die europäische Arzneimittelbehörde EMA die 200mg-Formulierung des NNRTI Etravirin (Intelence®) zugelassen.weiter

  • Rilpivirin einzeln und als Fixkombination Rilpivirin/TDF/FTV in der EU zugelassen

    28. November 2011: Der einmal täglich einzunehmende NNRTI Rilpivirin wurde als Einzelmedikament (Edurant®) und als Fixkombination (Eviplera®) für therapienaive HIV-infizierte Erwachsene mit einer Viruslast von ≤ 100.000 HIV-RNA-Kopien/ml zugelassen.weiter

  • Erste Studie mit Mikrobizid mit zwei Wirkstoffen

    23. November 2011: Ein vaginaler Ring, der Dapivirine und Maraviroc enthält, wird in den USA in einer Studie auf seine Tauglichkeit als vaginales Mikrobizid gegen HIV untersucht.weiter

  • Fixkombination DRV/FTC/Cobicistat

    22. November 2011: Die Unternehmen Gilead Sciences und Tibotec Pharmaceuticals (in Deutschland Janssen-Cilag) werden gemeinsam ein neues sogenanntes „Single-Tablet Regime“, d.h. eine Tablette täglich, entwickeln.weiter

  • Gilead kauft Pharmasset

    22. November 2011: Gilead Sciences erweitert mit dem Einkauf sein Hepatitis-C-Portfolio.weiter

  • Keine Inflammation bei niedriger Viruslast

    09. November 2011: Die HIV-Infektion geht mit einer chronischen Entzüdungsreaktion einher. Diese These scheint zumindest bei niedriger Virusvermehrung nicht zuzutreffen.weiter

Nachrichten-Archiv weiter