BUNDESVERDIENSTKREUZ FÜR PFLEGEMUTTER HIV-POSITIVER KINDER
"Mutiger mit der HIV-Infektion der Kinder umgehen"

Vor zwölf Jahren nahm Sabine Rockhoff den knapp einjährigen Dennis auf, der damals AIDS hatte. Und vor knapp zehn Jahren kam die Pflegetochter Amanda als Säugling, ebenfalls mit bereits fortgeschrittener HIV-Infektion, zu Sabine Rockhoff und Dennis - beide Kinder sind heute wohlauf. Seit 2002 ist Sabine Rockhoff erste Vorsitzende der Elterninitiative HIV-betroffener Kinder e.V. Für ihren Einsatz als Pflegemutter HIV-positiver Kinder und für ihre Aufklärungsarbeit erhielt sie am 6. Oktober 2008 vom Bundespräsidenten Horst Köhler den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.


Sabine Rockhoff mit Amanda, Dennis und Hund

Wie kam es dazu, dass Sie als 29jährige ledige Frau Dennis als Pflegekind aufnahmen?

Sabine Rockhoff: Ich habe in der Kinderklinik der Universität Frankfurt als Krankenschwester auf der Station gearbeitet, in der Dennis seine ersten neun Monate lag. Das Jugendamt konnte damals keine Pflegefamilie und auch keinen Platz im Kinderheim finden. Seit seinem vierten Lebensmonat war Dennis im Stadium AIDS und es hieß, dass er das erste Lebensjahr nicht erreichen würde. Ich habe mir überlegt, dass ich ihm noch ein paar schöne Wochen bereiten kann und gefragt, ob ich ihn nehmen kann. Innerhalb einer Woche hatte ich die Zusage vom Jugendamt. Die ersten zwei Jahre waren wir fast häufiger im Krankenhaus als zu Hause. Mittlerweile ist Dennis 13 Jahre alt und hat sich prächtig entwickelt.

Und wie wurde Amanda Ihre Pflegetochter?

Sabine Rockhoff: Als Dennis zwei Jahre und vier Monate alt war, wurde ich gefragt, ob ich für einige Zeit Amanda aufnehmen könnte, weil ihre Mutter im Krankenhaus lag. Die Mutter starb ehe ich sie kennen lernen konnte und seitdem lebt Amanda bei Dennis und mir.

In den ersten Jahren waren beide Kinder häufig krank, aber seit vier bis fünf Jahren nehmen sie die neuen Medikamente und sind jetzt fast gesünder als Kinder ohne HIV.

Wann haben Sie ihren Kindern erzählt, dass sie HIV-positiv sind?

Sabine Rockhoff: Ich habe von Anfang an die Krankheit der Kinder nicht verheimlicht, nie die Medikamente versteckt und ihnen erklärt, warum sie so viele Medikamente nehmen müssen. Ich habe nicht mit der Erklärung gewartet, bis die Kinder danach gefragt haben. Bei anderen Dingen wartet man damit ja auch nicht. Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass es nicht einen einzigen Grund gibt, sich für die HIV-Infektion zu schämen und dass sie, wenn sie es wollen, überall sagen können, dass sie HIV-positiv sind, genau wie Kinder, die Asthma oder Diabetes haben.

Sie sind auch für Ihre Aufklärungsarbeit geehrt worden. Was ist für Sie wichtig im Umgang mit HIV-positiven Kindern?

Sabine Rockhoff: Pflege- und Adoptiveltern von HIV-positiven Kindern sollten mutiger sein und offener mit der HIV- Infektion der Kinder umgehen. Denn anders als die leiblichen HIV-positiven Eltern werden sie von der Gesellschaft anerkannt und für ihren Einsatz gelobt. Sie können den Weg für einen offeneren Umgang bereiten und so die leiblichen Eltern unterstützen. Dass nach wie vor auch im Jahr 2008 viel Aufklärung über HIV nötig ist, habe ich vor kurzen mal wieder in einem Krankenhaus erlebt: Nachdem die aufnehmende Krankenschwester erfahren hat, dass Dennis HIV-positiv ist, hat sie ihn schnell in seinem Bett aus dem Dreibettzimmer in ein Einzelzimmer geschoben - für die beiden anderen Patienten ist jetzt klar, dass man fluchtartig den Raum verlassen muss, um sich nicht mit HIV anzustecken!

Wie gehen Lehrer und Mitschüler mit der HIV-Infektion Ihrer Kinder um?

Sabine Rockhoff: Da ist vor allem bei einem Schulwechsel am Anfang immer wieder viel Aufklärung nötig. Amanda ist jetzt auf einer anderen Schule in die fünfte Klasse gekommen und alles fing erst einmal wieder von vorne an. Die Verantwortlichen für die Schulküche mussten erst einmal über HIV aufgeklärt werden, auch mit Hilfe des behandelnden Arztes, denn sie wollten, dass Amanda nur ihr eigenes Besteck und Geschirr benutzt. Die Lehrer stehen jedoch hinter Amanda und besprechen HIV in allen Klassen. Und Amanda möchte auch, dass "die ganze Welt weiß, dass ich HIV-positiv bin, damit ich ohne Druck leben kann".

Noch einmal herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstkreuz!

Sabine Rockhoff: Diese Auszeichnung habe ich vor allem auch für die HIV-positiven Mütter und Väter entgegengenommen, weil sie keine öffentliche Anerkennung erfahren und meistens auch keine finanzielle Unterstützung für ihre Kinder erhalten!

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