HIV Behandlung

Die HIV-Infektion ist nicht heil-, aber behandelbar. Dies ist in der Medizin nichts Ungewöhnliches, sondern oft der Fall. Diabetes mellitus, Schilddrüsenfehlfunktionen (Hyper- oder Hypothyreose) oder Depressionen sind Beispiele für häufige Krankheiten, die langfristig gezielt behandelt werden können, die Erkrankten aber bestenfalls freistellt von Symptomen.

Heilung

Heilung bedeutet dagegen die Wiederherstellung genau desjenigen körperlichen oder seelischen Zustandes, der vor dem Auftreten der Krankheit bestand ("restitutio ad integrum").

Dies ist für die HIV-Infektion nicht absehbar. Es würde die vollständige Entfernung der HI-Viren aus dem Körper bedeuten (Viruseradikation). Die phylogenetische Jugendlichkeit von HIV bedingt eine hohe Variabilität beim Vermehrungsvorgang. Das heißt, kein Virus ist identisch mit einem anderen, was Immunsystem und Impfstoffforschung sind überfordert bei der Produktion passgenauer, eradikativ wirkender Antikörper. Auch mit den derzeit bekannten antiretroviralen Medikamenten ist eine Eradikation von HIV neueren mathematischen Modellen zufolge nicht möglich. Dass in regelmäßigen Abständen "Erfolgsmeldungen" publik gemacht werden, hat mit der nachvollziehbar großen Emotionalität dieses Themas bei Ärzten und Betroffenen und einer nach Sensationen gierenden Öffentlichkeit zu tun.

Therapie

Die Behandelbarkeit der HIV-Infektion hat in den letzten 20 Jahren rasante Fortschritte gemacht, die in der Geschichte der Medizin praktisch einzigartig sind. Bevor 1986 mit Zidovudin der erste Wirkstoff gegen HIV zugelassen wurde, erkrankten die meisten Infizierten nach einem individuell unterschiedlich langen Zeitraum schwer. Die meisten davon verstarben kurze Zeit später.

Kombinationstherapie

Die Variabilität von HIV stellt für die antiretrovirale Therapie eine große Herausforderung dar. In jedem Infizierten gibt es durch die hohe Variabilität des Virus eine kleine Minderheit (Minorität) von Viren, gegen die ein eingesetztes Medikament nicht wirkt (=das Virus ist resistent). Unter dem Selektionsdruck, der während der Behandlung auf der großen Mehrheit der HI-Viren lastet, haben die resistenten Viren einen relevanten Selektionsvorteil. Sie können sich ungehemmt vermehren, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Mehrheit der Viren ausmachen - das Medikament hat seine Wirksamkeit verloren. Bei Einsatz nur eines einzigen Wirkstoffes treten resistente Virenstämme schon nach kurzer Zeit auf. Dies hat zur heute etablierten Strategie der Kombinationstherapie geführt. Mehrere Substanzen, die einen unterschiedlichen Wirkmechanismus haben, oder an verschiedenen Stellen des HIV-Lebenszyklus angreifen, werden miteinander kombiniert. Dies führt zu einer deutlich geringeren Resistenzentstehung, da Viren sich erst dann wieder wirksam vermehren können, wenn sie gegen mehrere Wirkstoffe gleichzeitig resistent geworden sind.

Adhärenz

Das Konzept der kompletten Unterdrückung der Virusvermehrung über lange Zeit kann nur bei sehr regelmäßiger Medikamenteneinnahme funktionieren (Adhärenz, Compliance). Sobald die Wirkstoffe eine kritische Konzentration im Blut unterschreiten, springt der Vermehrungsprozess von HIV wieder an. Sind aber Medikament UND Virus gleichzeitig im Blut vorhanden, werden schnell resistente Stämme selektioniert und die Medikamente verlieren ihre Wirksamkeit.

Wirkmechanismus vDas pharmakologische Konzept, dem die HIV-Therapie folgt, findet sich sehr häufig in der klinischen Medizin: das Prinzip der Enzymhemmung und der Rezeptorblockade. In der Infektiologie werden dabei erregerspezifische Enzyme gehemmt, so dass der menschliche Stoffwechsel möglichst verschont bleibt, oder es werden körpereigene Strukturen blockiert, die für den Lebenszyklus des Erregers essentiell sind.

Etablierte Kombinationen

Etablierte Therapieschemata der HAART (hochaktive antiretrovirale Therapie) bestehen heute aus der Kombination zweier nukleosidischer Reverse-Transkriptase-Hemmer (NRTI) mit einem nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmer (NNRTI) oder mit einem Proteasehemmer (PI), dessen pharmakologische Wirksamkeit durch eine geringe Dosis Ritonavir ("Boosterung") gesteigert wird.

In den letzten Jahren sind weitere Substanzen in die Therapie eingeführt worden, die den Verschmelzungsprozess von HIV und Zielzelle hemmt (Fusionshemmer), oder einen hierfür notwendigen Co-Rezeptor blockiert (CCR5-Antagonist) bzw. die HIV-spezifische Integrase hemmt (Integrasehemmer). Der große Vorteil dieser Medikamente mit neuem Wirkmechanismus ist, dass Infizierte mit zahlreichen Resistenzmutationen wieder effektiv behandelt werden können.

Lebenserwartung

Durch die Wirksamkeit der Medikamente konnte die Lebenserwartung und die Lebensqualität HIV-Infizierter erheblich verlängert bzw. verbessert werden. Die HIV-Infektion befindet sich an der Schwelle zur chronischen Erkrankung, d.h. HIV-Infizierte können bei frühzeitiger Diagnose und langfristig optimal verlaufender ärztlicher Begleitung und Therapie eine normale Lebenserwartung bei nur wenig eingeschränkter Lebensqualität haben. Dieser große Erfolg darf jedoch nicht zu einer Banalisierung des Themas führen. Die HIV-Medizin ist und bleibt eine hochkomplexe Wissenschaft, die spezialisierte ärztliche Experten erfordert. Nur wenn dies gewährleistet ist, können oben genannte Erfolge erreicht werden - anderenfalls können sie leichtfertig verspielt werden.

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