Jochen Drewes, Berlin
50plushiv - Eine deutschlandweite Studie zum Älterwerden mit HIV/AIDS

50plusHIV - logoHIV-Patienten werden älter und sie entwickeln häufiger und früher zusätzliche Begleiterkrankungen. Welche gesundheitlichen und sozialen Probleme sich daraus ergeben wird aktuell in der Studie 50plushiv untersucht.

Lag der Anteil von Menschen, die 50 Jahre und älter waren, jeher mehr oder weniger konstant bei 10% unter allen HIV-positiven Menschen in den USA, so wird seit dem Ende der 1990er Jahre ein kontinuierlicher Anstieg des Anteils dieser Altersgruppe verzeichnet, der im Jahr 2009 schon bei 36% lag. Bereits bis zum Ende dieses Jahrzehnts sollen Prognosen zufolge mehr als die Hälfte aller in den USA lebenden Menschen mit HIV 50 Jahre und älter sein. Ähnliche Entwicklungen werden aus anderen westlichen Industrieländern aber auch aus afrikanischen Ländern berichtet. Die enormen Rückgänge in Morbidität und Mortalität als Folge der antiretroviralen Kombinationstherapien stehen als der zentrale Grund hinter dieser Entwicklung. Aber zusätzlich trägt ein Anstieg der HIV-Inzidenzen in dieser Altersgruppe dazu bei.

Neue Herausforderungen

Die gute Botschaft, dass immer mehr Menschen mit HIV ein höheres Lebensalter erreichen, ist allerdings mit neuen Herausforderungen verbunden. Das häufige Auftreten altersbedingter und HIV-assozierter Erkrankungen erfordert angepasste Behandlungsstrategien. Das im Vergleich zu altersgleichen Kohorten von HIV-Negativen frühere Auftreten von Komplikationen wie Tumorerkrankungen und kardiovaskulären Erkrankungen hat zu einer Diskussion um einen bei HIV-Positiven eventuell beschleunigten Alterungsprozess geführt. Die hohe Prävalenz von Komorbiditäten erhöht auch die psychosozialen Belastungen, denen die davon Betroffenen ausgesetzt sind. Wenig ist bisher bekannt über die Lebensbedingungen älterer Menschen mit HIV in Deutschland, vor welche psychischen, sozialen und materiellen Herausforderungen sie durch diese zusätzliche Belastung des Alterungsprozesses gestellt werden und wie sie darauf reagieren. Internationale Studien konnten bereits Hinweise darauf geben, dass ältere Menschen mit HIV erhöhte Prävalenzen für depressive Störungen aufweisen, Risikofaktoren wie Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum und mangelnde Bewegung in dieser Altersgruppe überdurchschnittlich verbreitet sind und sich die Anzahl der Komorbiditäten negativ auf die Lebensqualität auswirkt.

Die Studie

Abb 1Altersverteilung (in Jahren) von HIV-Infizierten in den USA.  Quelle: Luther et al. HIV infection in older adults. Clin Geriatr Med  2007; 23:567-83Abb 1 Altersverteilung (in Jahren) von HIV-Infizierten in den USA. Quelle: Luther et al. HIV infection in older adults. Clin Geriatr Med 2007; 23:567-83

Abb 2Durchschnittsalter nach Diagnosejahr und Infektionsweg. Stand 2/2012  Quelle: RKAbb 2  Durchschnittsalter nach Diagnosejahr und Infektionsweg. Stand 2/2012 Quelle: RK

Die Studie 50plushiv:Psychosoziale Aspekte des Älterwerdens mit HIV/AIDS in Deutschland wurde Anfang dieses Jahres gestartet um Antworten auf diese drängenden Fragen zu suchen. Anhand einer deutschlandweit durchgeführten Befragung von HIV-positiven Menschen, die das 50. Lebensjahr erreicht haben, sollen Informationen zur Lebensqualität, dem gesundheitlichen Status und den Lebensbedingungen erfasst werden. Dabei stehen Aspekte der psychischen Gesundheit und gesundheitsbezogenen Lebensqualität, neben der detaillierten Erfassung von selbstberichteten Komorbiditäten im Vordergrund. Welche Rolle spielen die materiellen Lebensbedingungen und andere soziodemographische Faktoren für die Gesundheit und Lebensqualität in dieser Population? Welchen Einfluss haben Faktoren wie das Erleben von Stigmatisierung, fehlende soziale Unterstützung und Einsamkeit?

Verschiedene Verhaltens- und Lebensstilfaktoren werden auch für das gesunde Älterwerden von HIV-Positiven als
zunehmend wichtiger bewertet. Dieser Erkenntnis Rechnung tragend sollen detailliert Alkoholkonsum, Rauch- und Bewegungsverhalten, die Adhärenz zur ART, sowie die Inanspruchnahme von empfohlenen Impfungen und Früherkennungsuntersuchungen erfasst werden. Auf diese Weise wird es möglich sowohl Prävalenzen dieses Verhaltens als auch hemmende und förderliche Faktoren zu bestimmen und so Empfehlungen für die Sekundärprävention in dieser Population abzuleiten.

Ein dritter Teil des Fragebogens wird sich mit der Identifikation von konkreten Problemlagen und Bedürfnissen in dieser Population, wie Wohn- und Pflegewünsche im Alter, Sorgen, Unterstützungs- und Informationsbedarfe, be-
fassen.

Diese wichtige Studie wird gefördert durch die H.W. & J. Hector-Stiftung und am Arbeitsbereich Public Health der Freien Universität Berlin realisiert. Ein qualitativer Studienarm, in dem die angesprochenen Themen in Interviews mit HIV-positiven Patienten intensiver untersucht werden, wird gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit und ist am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt unter Leitung von Prof. Dr. Phil C. Langer angesiedelt. Ein Projektbeirat mit Vertreterinnen und Vertretern aus Medizin, Aidshilfe, Selbsthilfe und Wissenschaft unterstützt das Forschungsteam.

Bei der Durchführung der Studie sind wir auf Unterstützung angewiesen. Die Verteilung der mit einem Rückumschlag versehenen Fragebögen an potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer soll ab Mitte September über HIV-Schwerpunktpraxen, Ambulanzen und Tageskliniken, über HIV-Zentren in Krankenhäuser, über Pflegedienste, über Aidshilfen und andere Institutionen der Selbsthilfe erfolgen. Dazu werden wir Mitte September diese Einrichtungen und Institutionen anfragen und um eine Teilnahme bitten. Zusätzlich besteht für potenzielle Teilnehmer aber auch die Möglichkeit, den Fragebogen online auszufüllen. Dazu wird ein Online-Fragebogen ab Mitte September über die Internetseite www.50plushiv.de zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage www.50plushiv.de, weitere Fragen beantwortet der Studienleiter Dr. Jochen Drewes (Tel. 030-838 55716 oder E-Mail: jochen.drewes@fu-berlin.de).



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