AIDS 2024Was haben Klima- und UNAIDS-Ziele gemeinsam?
Interview mit Prof. Dr. Paula Maria Bögel, Vechta

Junior-Prof. Dr. Paula Maria BögelProf. Dr. Paula Maria Bögel

Professorin für
Transformationsmanagement
in ländlichen Räumen,
Universität Vechta

Wie war es für Sie als Transformationswissenschaftlerin, einen Blick in den HIV-Bereich zu werfen?

Bögel: Transformationsforschung ist darauf ausgerichtet, Neues zu entdecken. Deswegen war ich zunächst neugierig und dann positiv überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen beiden Bereichen gibt und ich habe mich gefreut, in einen derart dynamischen Bereich einzutauchen: Im HIV-Bereich ist in den letzten Jahrzehnten unheimlich viel passiert – eine vergleichbare Dynamik würde ich mir auch im Bereich der Energiewende wünschen. Und noch ein Aspekt: Ich forsche viel zu Gemeinschaft und Community und wie man Menschen für ein Thema zusammenbringen kann. Die MAIT war für mich diesbezüglich sehr beeindruckend – diese unheimlich aktive Community, auf die ich im Nachhaltigkeitsbereich fast ein bisschen neidisch bin.

Was sind die zentralen Anliegen der Transformationsforschung?

Bögel: Die Transformationsforschung ist eine sehr junge Forschungsdisziplin, die angetreten ist, um einen interdisziplinären, ganzheitlichen und systemischen Blick auf eine große Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu werfen – beispielsweise auf die Energiewende, die Verkehrswende und natürlich auch die Gesundheitspolitik. Die Transformationsforschung wird manchmal auch definiert als „New ways of doing, thinking and organising“.

Wie passt das zusammen mit der Frage, was Deutschland noch braucht, um die HIV-Epidemie zu beenden?

Bögel: Der Grundgedanke ist: Wie kann man in ein etabliertes System Veränderung bringen? Diese Frage stellt sich immer – auch wenn der HIV-Bereich in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr dynamisch war. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich bestimmte Dinge etabliert haben. Die Transformationsforschung überlegt dann „Wie kann man das wieder aufbrechen? Wie kommt man dann weiter?“

Deutschland wird eines der UNAIDS-Ziele – eine HIV-Diagnoserate von mindestens 95% bis 2025 – wahrscheinlich nicht erreichen. Gibt es in der Transformationsforschung Ansätze, das zu verbessern?

Bögel: Wenn wir an Gemeinsamkeiten denken, stehen wir hier vor dem gleichen Problem wie bei den Klimazielen – wobei wir beim Klima vom 1,5-Grad-Ziel noch weiter entfernt sind als bei HIV von den UNAIDS-Zielen. Es lassen sich insbesondere drei gemeinsame Herausforderungen, aber auch Antworten herausarbeiten: Die erste Herausforderung ist die Betroffenheit, also wie vermittelt man, dass es sich um ein zentrales Problem handelt. Dabei geht es nicht darum, Ängste zu schüren und zu sagen, es könnte auch dich treffen – weder beim Klima noch bei HIV –, sondern darum zu fragen „Warum ist das für uns als Menschheit wichtig? Warum sollte mich als Individuum das interessieren?“

Was ist die zweite Herausforderung?

Bögel: Sie lautet: Wer übernimmt die Verantwortung? Auch das ist in beiden Bereichen ähnlich: Sehr häufig ist das „Trittbrettfahrer-Syndrom“, bei dem darauf gehofft wird, dass die anderen das Problem lösen und sich darum kümmern. Das kann man unter anderem dadurch verändern, indem man neue Allianzen schafft. Dazu gilt es zu prüfen, wo gibt es gemeinsame Interessen, wie können wir uns gut zusammenschließen und welche Themen haben wir bisher gar nicht gemeinsam gedacht?

Und was ist die dritte Herausforderung?

Bögel: Sie lautet: Wie können wir etablierte Pfade verlassen? Also wie können wir mutiger darin werden, zu experimentieren und Regeln zu durchbrechen? So hatten wir im Nachhaltigkeitsbereich bis vor einigen Jahren immer das Ziel, mit der ganz großen Strategie oder Vision zu starten. Aber nichts erschlägt Ideen mehr als zu sagen, da muss die Idee für die nächsten 50 Jahre her. Heute sehen wir dagegen häufig Menschen, die insbesondere im lokalen Raum aktiv werden – sowohl was HIV als auch Nachhaltigkeit betrifft.



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