Gentherapie am Scheideweg?

14. Juni 2022

Ja, es gibt Probleme und ja, es gibt mögliche Lösungen. 

Gentherapien werden in den nächsten Jahren für Menschen mit HIV relevant werden. Sei es zur Behandlung von Begleiterkrankungen oder auch direkt zur Behandlung und möglicherweise vielleicht einmal auch zur Heilung einer HIV-Infektion. Entsprechende Studien laufen bereits seit einiger Zeit und werden in den kommenden Jahren immer mehr Menschen mit HIV erreichen.

Seit einigen Jahren scheint die Gentherapie von Erfolg zu Erfolg zu eilen: Allein 11 verschiedene gentherapeutische Medikamente wurden in den USA zugelassen. Kleine Biotech-Startups wurden von „Big Pharma“ für Milliardenbeträge aufgekauft und schienen das große Geschäft für die Zukunft zu sein.

Doch in letzter Zeit gab es einige Rückschläge: Eine Analyse aus dem letzten Jahr ergab, dass 35% von 149 Studien mit „Adenovirus-assoziierten Vektoren“ (AAV, einer beliebten Genfähre zum Einbringen von genetischem Material in die Körperzellen) mit schweren Nebenwirkungen zu kämpfen hatten. In diesem Jahr berichtete ein Analyst, dass 40% aller Studien, die gestoppt werden mussten, aus dem Bereich Gen- bzw. Zelltherapie waren (allerdings nicht alle wegen Nebenwirkungen, sondern auch wegen Problemen bei der Herstellung und/oder Qualität).

Aufgrund der häufigen Nebenwirkungen von AAV-basierten Therapien veranstaltete die US-amerikanische Zulassungsbehörde sogar einen „Runden Tisch“. Berichtete Probleme waren:

  • Dosis-limitierende Lebertoxizität
  • Thrombotische Mikroangiopathie (durch die Bildung winziger Blutgerinnsel in den Gefäßen kommt es zur Schädigung von Organen, vor allem der Nieren, und einer Verringerung der Anzahl der Blutplättchen)
  • Nervenschädigungen
  • In Tierversuchen kam es zu Fällen von Leberkrebs

Wie so oft, scheint die Dosis das Problem zu sein. Während man für Impfungen oder lokale Therapien (z.B. im Auge) „nur“ 1010-1011 Vektoren pro kg Körpergewicht braucht, benötigt man für Behandlungen, die das Gehirn oder die Muskeln erreichen sollen, 200-3000 mal soviel Vektor. Hinzu kommt, dass sich diese Vektoren nicht „perfekt“ herstellen lassen. Es gibt Verunreinigen aus leerer Vektorhülle (ohne Erbmaterial) oder nackter DNA (ohne Vektorhülle). Diese haben keine Wirkung, können aber eine Immunreaktion hervorrufen.

Einige Firmen haben sich dieser Probleme angenommen und entwickeln nun gezielt Varianten der Vektoren, die solche Schwierigkeiten umgehen sollen. Auch Genfähren, die nicht auf Viren basieren wie Lipidnanopartikel (wie z.B. bei den mRNA-Impfstoffen von BioNTech und Moderna) scheinen deutlich weniger Probleme zu verursachen und werden verstärkt eingesetzt.

Auch die „Nutzlast“, also das genetische Material, das in die Zellen transportiert werden soll, lässt sich so optimieren, dass möglichst wenig Nebeneffekte auftreten. Doch hier wird noch mehr an Grundlagenforschung benötigt, um den genauen Ablauf in den Zellen noch besser zu verstehen.

Man geht davon aus, dass sich am oder im Menschen etwa 380 Billiarden (!) Viren finden lassen. Also liegt es nur nahe, unter diesen nach Viren zu suchen, die sich möglicherweise als Genfähren einsetzen lassen. Man hofft, dass diese Viren, die dem Immunsystem schon „bekannt“ sind, vielleicht weniger Probleme verursachen. Doch all diese Entwicklungen benötigen Geld und Risikokapitalgeber werden Geld nur dann bereitwillig geben, wenn die nächsten gentechnischen Medikamente Erfolg haben.



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