Streiflicht
Vorteilsnahme oder der lange Marsch zum Hotel

Was ist nur los in dieser Welt? Dass im Balkan und Südamerika die Korruption grassiert, ist ja allgemein bekannt. Aber dass auch Deutsche bestechlich sein sollen, erschüttert unser Selbstverständnis. Nur ungern erinnert man sich an den wegen Steuerhinterziehung vorbestraften Otto Graf Lambsdorff, an Joschka Fischer und dessen Affäre oder das Dunkel um die farblich passenden Konten von Helmut Kohl. Doch nun soll Korruption keine Politikerkrankheit mehr sein? Auch die Ärzte, lange bekannt als Halbgötter in weiß, stehen heute unter Generalverdacht, mehr auf ihren Geldbeutel zu schauen als auf die Bedürfnisse ihrer Patienten.

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Fast alle sind gleich

Da wird es doch Zeit, Maßnahmen zu ergreifen! Und überrascht stellt man fest: Jawohl, die Politik hat bereits reagiert! Auch wenn sich die Politiker nachhaltig weigern, Korruption bei ihresgleichen unter Strafe zu stellen, bei Ärzten wird nun genau hingeschaut. Der Wert von Geschenken an Ärzte ist klar reglementiert ebenso wie die Anzahl der Sterne bei Hotels und die Kosten für Verpflegung zur Teilnahme an den mittlerweile unerlässlichen Fortbildungsveranstaltungen.

Unangemessene Bequemlichkeit!

Zur Verhinderung von Vorteilsnahme wurde die Gesetzeslage verschärft. In der Konsequenz hat wohl jeder schon einmal einen Tross korruptionsverdächtiger Medici-Germanen verschwitzt vom langen Marsch vom Kongresszentrum im 4-Sterne-Hotel ankommen sehen, weil das zur Veranstaltung gehörende Kongresshotel 5 Sterne hat. Aber Hotels mit 5 Sternen sind selbst dann tabu, wenn sie billiger sind und näher am Kongresszentrum gelegen. Schließlich geht es ja nicht ums Geld, sondern um Vorteilsnahme und unangemessene Bequemlichkeiten. Irrigerweise erscheint es mir, dass die unangemessene Bequemlichkeit auf Seiten derer liegt, die solch inadäquate Regeln erdacht haben und diese nun zu rechtfertigen suchen.

Beispiel Singapur

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Dabei kann es so schlimm eigentlich nicht sein. Schließlich steht Deutschland in der weltweiten Transparenzstatistik recht konstant auf Platz 15 mit 8 von 10 erreichbaren Transparenzpunkten. Spitzenreiter sind Dänemark, Neuseeland und Singapur mit jeweils 9,3 Punkten. Während es in Neuseeland schlicht an Gelegenheit zur Vorteilsnahme fehlen könnte (obschon Schafe ja recht durchtrieben sein können), hat Singapur noch andere Rekorde zu bieten: Es ist z.B. das Land, in dem ausnehmend wenig Menschen erschossen werden. Allerdings wird in Singapur das bloße Abfeuern einer Schusswaffe zwingend (!) mit der Todesstrafe geahndet – unabhängig davon, ob jemand verletzt wurde oder hätte werden können. Zumindest im Wettstreit um Verbrechensprävention scheint sich der deutsche Gesetzgeber daran noch kein Beispiel zu nehmen.

Neidischer Blick zum Nachbarn

Da nimmt der Deutsche doch lieber eine neue Bedeutung der Weiter-Bildung in Kauf und marschiert. Andere gehen extra joggen, bei uns sorgt der Gesetzgeber vor… . Nur ab und an blickt man noch neidisch zu den (auch europäischen) Kollegen, wenn sie durch entspanntes Umfallen direkt vom Kongresshotel zur Tagung gelangen.



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