Interview
Umdenken beim HIV-Heimtest

Michael TappeEin HIV-Schnelltest für die Selbstanwendung ist in den USA bereits seit Mitte 2012 zugelassen, drei Jahre später war es in Großbritannien und Frankreich so weit. Nun scheint auch in Deutschland Bewegung in die Sache gekommen zu sein – am 9. Mai 2017 berichteten die Tagesschau und viele Zeitungen, dass das Bundesministerium für Gesundheit die Zulassung für den HIV-Heimtest prüft. Bislang ist die Abgabe an Privatpersonen verboten – was steckt hinter diesem Umdenken? sprach mit Michael Tappe, Projektkoordinator der Checkpoints bei der Deutschen AIDS-Hilfe.

Was war der Anlass für die breite Berichterstattung, dass das Bundesministerium für Gesundheit den HIV-Test für
zu Hause nun doch prüft?

Tappe: Die Berichterstattung hatte schon mit unserer neuen Kampagne „Kein AIDS für alle – bis 2020!“ zu tun, die am 12. Mai gestartet ist. In dieser Kampagne geht es ja darum, Spätdiagnosen zu verhindern, und zu erreichen, dass ab 2020 niemand mehr an Aids erkranken muss. Der Schlüssel dazu ist, viel häufiger auf HIV zu testen, und zwar „die Richtigen“. Neue Zugänge zum HIV-Test spielen dabei eine wichtige Rolle. Wir haben dazu der dpa ein Interview gegeben, und die Journalistin hat sich entschieden, den Selbsttest in den Vordergrund zu stellen. Sie hat dann beim Bundesministerium für Gesundheit und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nachgefragt, was Stand der Dinge ist.

Und was war am 9. Mai Stand der Dinge?

Tappe: Das BMG hat mitgeteilt, dass zurzeit geprüft wird, ob der Heimtest auch in Deutschland legal werden könnte.

Das Gesundheitsministerium überlegt, die Abgabeverordnung zum Medizinproduktegesetz, welche den Vertrieb eines HIV-Test direkt an Privatpersonen verbietet, entsprechend zu ändern. Das wird juristisch und fachlich geprüft. Aus unserer Sicht sprechen mittlerweile gute Gründe für die Freigabe: 1.: Es gibt zuverlässige, einfach anzuwendende Selbsttests. 2. Ein reaktives Testergebnis ist heute leichter zu verkraften, als vor 10 Jahren. 3. Es gibt Möglichkeiten, trotzdem Beratung auf verschiedenen Wegen anzubieten, zum Beispiel online. Wir sind nicht die einzigen, die den HIV-Heimtest mittlerweile befürworten. Auch Mitglieder der dagnä, der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter, und der DAIG, der Deutschen AIDS-Gesellschaft, sprechen sich dafür aus.

Bisher waren alle Fachverbände und Institutionen gegen einen HIV-Test für zu Hause – warum hat sich die Meinung zum HIV-Heimtest geändert?

Tappe: In England und Frankreich gab es einen schnelleren, bei uns einen langsameren Prozess des Umdenkens. Grund ist letztlich das globale Ziel 90-90-90. (90% aller Infizierten wissen, dass sie positiv sind – 90% von ihnen sind unter ART – und 90% davon sind unter der Nachweisgrenze. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, müssen wir neue Wege gehen. Das hat auch bei der Deutschen AIDS-Hilfe zum Umdenken geführt. Wir wissen: Wir können mit dem Selbsttest Menschen einen HIV-Test ermöglichen, die ansonsten weiter unwissentlich mit HIV leben würden – mit allen Risiken. In diesem Punkt zeichnet sich langsam eine große Einigkeit ab. Ich war auch bei unseren Mitgliedsorganisationen überrascht, wie wenig Vorbehalte es im letzten Jahr gegenüber dem HIV-Heimtest gegeben hat, obwohl wie jahrelang davor gewarnt haben. Nun geht es darum, die Berater und Beraterinnen zum Thema HIV-Heimtest zu schulen.

HIV-Tests sind im Internet erhältlich – wird das häufig genutzt?

Tappe: In Deutschland werden HIV-Heimtests bereits seit längerer Zeit online bestellt – und das macht die Sache dringlich! ln den Teststellen der Aidshilfen, den Checkpoints, tauchen immer wieder Leute auf, die sich selbst getestet haben. Bis vor zwei, drei Jahren war das Ergebnis in der Regel falsch. Die neuen, besseren HIV-Heimtests dürfen in Deutschland bisher nicht verkauft werden. Das Dilemma: Die seriösen Firmen halten sich an die Spielregeln und bieten den Test nicht an, obwohl beispielsweise eine französische Firma bereits Tests mit Anleitung in deutscher Sprache hat. Die unseriösen Firmen tun das. Und erst wenn der Test legal ist, können wir auch mit den seriösen Anbietern kooperieren, etwa bezüglich der Beratung.

Wann wird es auch in Deutschland den HIV-Heimtest für Privatpersonen geben?

Tappe: Das entscheiden nicht wir. Aber ich hoffe, noch in diesem Jahr, schon im Herbst könnte es soweit sein.


Ausgabe 2 - 2017Back

DAIG LogoDGI LogoDSTIG LogoPEG Logo

Meldungen

  • Mikrobiom

    23. Februar 2026: Zwei Bakterien führen zur chronischen Obstipation weiter

  • Epstein-Barr-Virus

    23. Februar 2026: Neues aus Bonn weiter

  • Clostridium difficile

    23. Februar 2026: Neuartiger Impfstoff schützt vor Schäden und Rezidiv weiter

  • HIV

    23. Februar 2026: Neue Erkenntnisse zur Integrase weiter

  • Newletter online

    Jeden Monat akutelle Informationen rund ums Thema HIV und sexuell übertragbare Erkrankungen.

    Für Ärzt_innen, Menschen mit HIV und alle Interessierten.

    Anmeldung hier

  • Atemwegsinfekt

    23. Februar 2026: Universal-Impfstoff gegen alle Atemwegsinfekte weiter

  • Antimikrobielle Resistenz

    18. Februar 2026: 5000 Jahre alte Resistenzdaten weiter

  • STI

    18. Februar 2026: Trichophyton mentagrophytes Ausbruch in Minnesota weiter

  • Antihelmethika

    17. Februar 2026: EMA empfiehlt Levamisol vom EU-Markt zu nehmen weiter

  • HIV

    17. Februar 2026: Menopause verstärkt bei Frauen mit HIV Insulinresistenz schneller weiter

  • Robert Koch-Institut

    17. Februar 2026: Erstmals Resistenzdaten zu Pilzen veröffentlicht weiter

  • Antiretrovirale Therapie

    16. Februar 2026: VOLVER: DTG/3TC bei M184V/I weiter

  • Epstein-Barr-Virus

    16. Februar 2026: Trigger für Multiple Sklerose weiter

  • MPOX

    13. Februar 2026: Erste rekombinante Varianten beschrieben weiter

  • HIV

    13. Februar 2026: Neuer Antikörper für Therapie und Impfung weiter

  • Mikrobiom

    13. Februar 2026: 11 genetische Varianten beeinflussen das Darm-Mikrobiom weiter

Ältere Meldungen weiter

Diese Website bietet aktuelle Informationen zu HIV/Aids sowie zur HIV/HCV-Koinfektion. Im Mittelpunkt stehen HIV-Test, Symptome und Auswirkungen der HIV-Infektion, Behandlung der HIV-Infektion, HIV-Medikamente mit Nebenwirkungen und Komplikationen, Aids, Hepatitis B und C. Ein Verzeichnis der Ärzte mit Schwerpunkt HIV ergänzt das Angebot.