Kommentar Prof. Dr. Hartwig Klinker, Würzburg
Richtig gemacht: Interaktionen werden beachtet!

Prof. Dr. Hartwig Klinker Infektiologie Würzburg
Prof. Dr. Hartwig Klinker
Infektiologie
Würzburg
© priv.

Auch 25 Jahre nach ihrer Einführung sind HIV-Proteaseinhibitoren (PI) noch durchaus häufig Bestandteil der antiretroviralen Therapie (ART). Die Übersicht von K. Behnke beschreibt den Einsatz von PI allein in Bayern bei 1.768 PatientInnen, was einem Anteil von 13 Prozent aller hier antiretroviral Behandelten entspricht.

PI zeichnen sich durch eine hohe Resistenzbarriere aus, haben ein signifikantes Nebenwirkungsspektrum und sind in besonderem Maße von pharmakokinetischen Wechselwirkungen betroffen, wobei sie hier einerseits selbst Einflüssen diverser Komedikation unterliegen, andererseits aber auch – überwiegend durch Inhibition des Cytochrom P 450-Systems – die Pharmakokinetik anderer Substanzen verändern. Akzentuiert wird die Beeinflussung der Pharmakokinetik durch den Einsatz der Booster-Substanzen Ritonavir und Cobicistat. Diese Booster sind mit der möglichen Ausnahme von Atazanavir regelmäßig Bestandteil einer PI-Therapie und werden auch in der Therapie mit dem Integraseinhibitor Elvitegravir eingesetzt.

Spärliche Daten

Die Übersichtsarbeit von K. Behnke adressiert exklusiv die Wechselwirkung von PI/Boostersubstanzen mit Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) als wichtiger Begleitmedikation bei kardiovaskulärer Komorbidität. Dabei stützt sich die Datenlage insgesamt auf lediglich wenige und kleinere Pharmakokinetik-Studien. Die klinischen Folgen der Wechselwirkung wird für die drei wichtigsten TAH außer Acetylsalicylsäure (hier ist keine relevante Interaktion anzunehmen) unterschiedlich beurteilt: Von Clopidogrel wird wegen einer signifikanten Wirkungsabschwächung bei PI/Booster-Begleitmedikation abgeraten, die Prasugrel-Wirkung scheint hingegen trotz geänderter Pharmakokinetik weitgehend erhalten zu bleiben, Ticagrelor ist wegen zu erwartender, erheblicher Wirkungsverstärkung zusammen mit PI/Booster kontraindiziert.

Bei Fehlen größerer Studien, insbesondere solcher mit klinischen Endpunkten, erscheint es ratsam, den genannten Empfehlungen zu folgen. Allgemein kann man davon ausgehen, dass eine Änderung der Substanzexposition ab ca. 25-30% eine klinische Relevanz bezüglich der Wirksamkeit bzw. Toxizität haben kann. Ob sich dieses Risiko individuell verwirklicht, hängt von einer Vielzahl von Kofaktoren ab, die sich oft schwer in ihrer Bedeutung abschätzen lassen.


Tab 1  Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und  HIV-Proteaseinhibitoren (PI)
Tab 1 Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und HIV-Proteaseinhibitoren (PI)

Tab 2  Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und  HIV-Integraseinhibitoren (INI)
Tab 2 Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und HIV-Integraseinhibitoren (INI)

Tab 3  Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und Nicht-Nukleosidischen Reverse Transcriptase-Inhibitoren (NNRTI)
Tab 3 Interaktionspotenzial zwischen Thrombozytenaggregationshemmern (TAH) und Nicht-Nukleosidischen Reverse Transcriptase-Inhibitoren (NNRTI)


Datenbanken helfen weiter

Über Datenbanken ist es heute unkompliziert und rasch möglich, sich einen Überblick über das Interaktionsrisiko von Medikamentenkombinationen und auch eine Alternativmedikation zu verschaffen. Die diesem Kommentar anhängenden Tabellen zeigen beispielhaft die Bewertung der Kombination von TAH mit verschiedener ART und sind der Interaktionsdatenbank der Pharmakologie der Universität Liverpool (www.hiv-druginteractions.org) entnommen.

Die in der Übersichtsarbeit dargestellten, den Bayerischen Arzneimittelverordnungsdaten für das erste Halbjahr 2020 entnommenen Zahlen belegen, dass TAH tatsächlich eine relevante Komedikation bei PatientInnen unter einer ART darstellen (n = 233, entsprechend 1,7%), eine Komedikation von problematischen TAH mit PI/Booster aber weitgehend vermieden wird (n = 19, entsprechend 8,2%).

Im Falle einer notwendig erachteten, interaktionsträchtigen TAH-PI/Booster-Kombination sind eine engmaschige Kontrolle der PatientInnen, die intensivierte Suche nach ART-Alternativen und eine enge Kooperation mit dem Kardiologen, auch zur Frage einer Alternativ-TAH, anzuraten.

Quellen:

Klinker H, HIV&more 1/2013
www.HIV-druginteractions.org (5.7.2021)

Ausgabe 3 - 2021Back

DAIG LogoDGI LogoDSTIG LogoPEG Logo

Meldungen

  • Antiretrovirale Therapie

    22. Oktober 2026: Erste Erfahrungen mit LEN/CAB-LA weiter

  • HIV-Infektion

    18. Oktober 2026: Blips sind häufiger unter Proteasehemmern weiter

  • MERS-CoV

    18. Oktober 2026: Acht Fälle in Saudi-Arabien weiter

  • West Nil Fieber

    18. Oktober 2026: Höchste Zahlen in Europa weiter

  • Newletter online

    Jeden Monat akutelle Informationen rund ums Thema HIV und sexuell übertragbare Erkrankungen.

    Für Ärzt_innen, Menschen mit HIV und alle Interessierten.

    Anmeldung hier

  • HPV

    18. Oktober 2026: Erster HPV-Atlas und sechs strategische Empfehlungen weiter

  • Epidemiologie

    06. Oktober 2026: Ausbrüche weltweit weiter

  • Tungiasis

    05. Oktober 2026: Verlust von 575.000 gesunden Lebensjahre pro Jahr weltweit weiter

  • COVID-19

    05. Oktober 2026: Immunität schützt auch vor anderen Fledermaus-Coronaviren weiter

  • Q-Fieber

    05. Oktober 2026: Ausbruch in Baden-Württemberg weiter

  • Antimikrobielle Resistenz

    04. Oktober 2026: Phagenimmunität kann Resistenz beschleunigen weiter

  • Sindbis-Virus-Infektion

    04. Oktober 2026: Erstnachweis einer autochthonen Infektion in Deutschland weiter

  • Salmonella Strathcona

    04. Oktober 2026: Hohe Fallzahlen in der Saison 2025/2026 weiter

  • HIV-Forschung

    04. Oktober 2026: Meilensteine der HIV-Behandlung weiter

  • AlphaRegio

    04. Oktober 2026: Infektiologie im Fokus weiter

  • Lenacapavir

    28. September 2026: Weiterer Wirkmechanismus entdeckt weiter

Ältere Meldungen weiter

Diese Website bietet aktuelle Informationen zu HIV/Aids sowie zur HIV/HCV-Koinfektion. Im Mittelpunkt stehen HIV-Test, Symptome und Auswirkungen der HIV-Infektion, Behandlung der HIV-Infektion, HIV-Medikamente mit Nebenwirkungen und Komplikationen, Aids, Hepatitis B und C. Ein Verzeichnis der Ärzte mit Schwerpunkt HIV ergänzt das Angebot.