Interview mit Dr. Tobias Rüther, Leiter der Ambulanz für Tabakabhängigkeit
Entwöhnungshilfe mit strengem Jugendschutz

Dr. Tobias Rüther Leiter der Ambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der LMU MünchenDr. Tobias Rüther Leiter der Ambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der LMU München

Wie beurteilen Sie die beunruhigenden Berichte aus den USA?

Dr. Rüther: E-Zigaretten sind seit 9 Jahren auf dem Markt. In randomisierten Studien an mehr als 10.000 Nutzern wurden keine relevanten Lungenschäden beobachtet. Langzeit-Daten liegen nicht vor, aber bei den amerikanischen Fällen handelt es sich ja auch nicht um Langzeitschäden. Die Probleme traten nicht erst nach vielen Jahren E-Zigarette auf. Laut den neuesten Berichten der amerikanischen Bundesbehörde ist Vitamin-E-Acetat, das z.B. zu Strecken von THC-Öl benutzt wird, die Ursache der Lungenschäden – auch wenn möglicherweise noch zusätzliche Faktoren eine Rolle spielen.

Offenbar wurde versucht, Cannabis zu verdampfen. Geht das?

Dr. Rüther: Das geht gar nicht. Ölige Lösungen dürfen und können nicht verdampft werden, das Öl verstopft die Geräte.

Was wird denn normalerweise verdampft?

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Dr. Rüther: Die Inhaltsstoffe der Liquids sind in der EU klar und streng geregelt. Hauptinhaltsstoffe sind wassermischbares Glycerin und/oder Propylenglykol, ein relativ inerter Alkohol, der den Dampf macht. Propylenglykol kann allergische Reaktionen hervorrufen, ist aber den bisherigen Beobachtungen zufolge toxikologisch relativ harmlos. Weitere Inhaltsstoffe sind Glycerin und je nach Geschmack Aromastoffe – und nicht zu vergessen Nikotin, wobei in Europa maximal 20 mg/ml zugelassen sind.

In den USA ist Vaping sehr beliebt und wird als Einstiegsdroge gesehen. Wie ist das in Deutschland?

Dr. Rüther: In Deutschland ist die E-Zigarette ein Umsteigerprodukt, d.h. Zigaretten-Raucher steigen auf das Dampfen um. In den USA gibt es den JUUL-Trend. JUUL ist der Hersteller einer sehr schicken E-Zigarette, die neben Aromen eine neue Form von Nikotin enthält. Dieses Nikotinsalz hat ein hohes Suchtpotential, da es nach Inhalation sehr schnell verfügbar ist, deutlich schneller als in allen anderen E-Zigaretten und ähnlich schnell wie in normalen Zigaretten. Die besondere Kombination schicker Stick plus schnelle Nikotinwirkung zusammen mit der Bewerbung des Produktes für Jugendliche hat in den USA zum größten Anstieg von Nikotinkonsum auf amerikanischen Schulhöfen seit 1985 geführt. Das sollte man in Deutschland mit entsprechenden Regelungen verhindern.

Wie steht es mit dem Passivrauchen bei E-Zigaretten?

EVALI (E-cigarette, or Vaping, product use Associated Lung Injury)

Betroffene müssen in den vergangenen 90 Tagen vor Beginn der Beschwerden E-Zigaretten oder andere Verdampfer genutzt haben,

  • Röntgenbilder müssen bestimmte Auffälligkeiten in der Lunge zeigen,

  • Tests auf verschiedene Bakterien und Viren, darunter auch die Grippe, müssen negativ ausfallen, und

  • es muss ausgeschlossen werden, dass etwa eine kardiologische oder rheumatische Erkrankung Ursache der Beschwerden ist.

Definition gemäß CDC 10/2019

Dr. Rüther: Zur Frage des Dampfens in geschlossenen Räumen, gibt es noch keine bundeseinheitliche
Regelung. Es gibt Bestrebungen, das zu verbieten, damit Rauchen nicht wieder salonfähig wird. Zudem wird auch beim Dampfen Feinstaub freigesetzt, zwar weniger Staub, dafür aber feinerer Staub, der Passivdampfer schädigen könnte.

Die Meinungen über den Stellenwert der E-Zigarette in Deutschland gehen auseinander. Wie sehen sie das?

Dr. Rüther: Es gibt sehr gute, kontrollierte Studien, die den Nutzen der E-Zigarette bei der Raucherentwöhnung klar belegen. Das haben wir bereits 2016 in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin so dargelegt. Auf der einen Seite brauchen Jugendliche Schutz vor einer potentiellen Einstiegsdroge, denn Jugendliche sind durch Nikotin besonders gefährdet. Das junge Gehirn wird schneller abhängig und bleibt dann lebenslang abhängig. Auf der anderen Seite sollten wir Rauchern eine Ausstiegshilfe nicht vorenthalten. Wer mit den anderen Methoden nicht aufhören kann, hat hier eine Option, den Schaden zu minimieren. Die meisten Menschen, die in Deutschland E-Zigaretten kaufen, tun dies salopp gesagt nicht zu ihrem Vergnügen, sondern weil sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Und die E-Zigarette ist einfach weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten, auch wenn wir hier noch keine 20-Jahre-Langzeitdaten haben.

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