HIV und neurologische Erkrankungen
Virale und Wirts-Faktoren bei HIV-assoziierten neurologischen Erkrankungen
von Siegfried Schwarze

Boston, 28. 2. 2011

Einige Highlights aus den Vorträgen:

Während, bzw. kurz nach der akuten Infektion war die Viruslast im Liquor im Durchschnitt um den Faktor 2,5 niedriger als im Plasma. Allerdings hatten auch 3 von 17 Patienten keine nachweisbare Viruslast im Liquor trotz hoher Plasmavirämie (bis ca. 300.000 Kopien/ml).

Mit computerunterstützten Kernspinverfahren konnten bereits  zwei Monate nach der Infektion mit HIV messbare neuroanatomische Veränderungen im Vergleich zu nicht Infizierten festgestellt werden (Abnahme der grauen Substanz, Verkleinerung der Hirnrinde, Vergrößerung der Ventrikel) [Anmerkung: Obwohl die Veränderungen auf den gezeigten Grafiken dramatisch wirkten, gab die Referentin auch Nachfrage an, diese seien zwar messbar aber „mit bloßem Auge nicht sichtbar“. Außerdem fiel auf, dass in der Gruppe der HIV-Infizierten immerhin 6 Patienten einen Amphetamin-Konsum berichteten, in der Vergleichsgruppe jedoch keiner. Der neurotoxische Effekt von Amphetaminen wurde mehrfach beschrieben.]

In einer weiteren Studie mit der Magnetresonanztechnik wurde N-Acetylaspartat (NAA) als prädiktiver Marker für neurologische Symptome bei HIV-Patienten gefunden. Weitere Prädiktoren sind: Niedriger CD4-Nadir und evtl. Komorbiditäten wie Hepatitis C oder Hypertonie.

Die Vielfalt der HI-Viren in einem Patient ist ein Prädiktor sowohl für das Auftreten von Aids als auch von neurologischen Komplikationen. [Anmerkung: Das verwundert keinen – je länger sich das Virus ungehindert vermehren kann (und damit auch mutieren), desto größer sind die angerichteten Schäden.]

Eine sehr elegante Arbeit konnte zeigen, dass die neurologischen Symptome durch unterschiedliche Arten von infizierten Zellen verursacht werden können:

  • Zum einen können infizierte T-Zellen, die in das ZNS eingewandert sind , vor Ort Virus produzieren. In diesem Fall ist die Zellzahl im Liquor erhöht und die Viruslast im Liquor  nimmt nach Therapiebeginn schnell ab.
  • Die andere Möglichkeit stellen infizierte Makrophagen oder Mikrogliazellen dar, die lokal Virus produzieren. Hierbei ist die Zellzahl im Liquor nicht erhöht und die Viruslast geht nach Therapiebeginn deutlich langsamer zurück.

Im Tiermodell  (Makaken) fand sich eine gute Korrelation der Viruslast in der Peripherie und im Gehirn – aber keine deutliche Korrelation zur Viruslast im Liquor. Auch die Marker für neuronal Schäden (NAA) korrelierten gut mit der Viruslast. Die Autoren vermuten, dass vor allem CD14+/CD16+ Makrophagen verantwortlich sind, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.

Minocyclin konnte das Ausmaß der neurologischen Schädigung verringern.

Wieder im Tiermodell (diesmal Rhesusaffen) konnten durch die Gabe von Maraviroc:

  • Die Entzündungsmarker im Liquor gesenkt werden
  • Die Viruslast im Liquor und im Gehirn gesenkt werden
  • Die Makrophagenaktivierung verringert werden
  • Die Bildung von Amyloid-Precursor-Protein verringert werden

Die Autoren fordern zu überprüfen, ob Maraviroc auch beim Menschen zur Behandlung HIV-assoziierter neurologischer Störungen eingesetzt werden kann.

In einer methodisch sehr anspruchsvollen Untersuchung zur Proteinzusammensetzung des Liquors wurde nach weiteren Markern gesucht, die positiv bzw. negativ mit der Viruslast im Liquor korrelieren. Dabei fand sich eine positive Korrelation mit Neopterin und bestimmten Komplementproteinen im Liquor, hingegen eine negative Korrelation mit Autotaxin.

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